{"id":35127,"date":"2021-04-22T10:41:06","date_gmt":"2021-04-22T08:41:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=35127"},"modified":"2021-04-23T08:43:28","modified_gmt":"2021-04-23T06:43:28","slug":"der-genius-im-kinde-1921-die-erste-kinderkunstausstellung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/04\/22\/der-genius-im-kinde-1921-die-erste-kinderkunstausstellung\/","title":{"rendered":"\u201eDer Genius im Kinde\u201c: 1921 erste Kinderkunst-Ausstellung"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_35130\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-35130\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Jahr100Wissen_Prof._Krautz-2-1024x799.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"799\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Jochen Krautz &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Uwe Blass hat sich ausf\u00fchrlich mit dem Kunstp\u00e4dagogen Prof. Dr. Jochen Krautz \u00fcber den Wert des kindlichen Gestaltens unterhalten:<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28394\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><strong>Prof. Krautz, im Fr\u00fchjahr 1921 stellte in Mannheim eine nie dagewesene Ausstellung mit dem Titel \u201eDer Genius im Kinde\u201c erstmalig die k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten von Kindern in den Mittelpunkt. Was wollte der Initiator, Gustav Hartlaub, mit dieser Schau erreichen?<\/strong><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prof. Jochen Krautz: &#8222;Die Ausstellung war f\u00fcr das kunstp\u00e4dagogische Denken wegweisend in zweifacher Hinsicht: Die Kinderzeichnung wurde nicht mehr nur als defizit\u00e4r betrachtet, also als \u201enoch nicht gekonnt\u201c gem\u00e4\u00df den Ma\u00dfst\u00e4ben erwachsenen K\u00f6nnens. Hartlaub schrieb dem kindlichen Gestalten vielmehr einen eigenen Wert zu, weil er zeigen konnte, dass es eigene bildnerische Logiken und Qualit\u00e4ten aufweist. Hartlaub macht darauf aufmerksam \u2013 und das ist f\u00fcr heute von neuer Bedeutung \u2013 dass sich im Zeichnen, Malen, Plastizieren der Kinder und Jugendlichen eine anthropologische Disposition, also eine M\u00f6glichkeit des Menschen zeigt, die nach Verwirklichung dr\u00e4ngt. Das ist der Kern der Begr\u00fcndung von Kunstunterricht in \u00f6ffentlichen Schulen: Diese Disposition k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir bilden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Insofern hat Hartlaubs Arbeit dazu beigetragen, die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die F\u00f6rderung des bildnerischen Gestaltens bei Kindern und Jugendlichen auch in einer breiteren \u00d6ffentlichkeit zu wecken. Zudem ist die bei Hartlaub sichtbar werdende Entwicklungspsychologie des bildnerischen Gestaltens seitdem umfassend erforscht worden. Sie gilt heute als Grundlage f\u00fcr kunstp\u00e4dagogisches Lehren und Lernen und wird auch bei uns im Studium der Kunstp\u00e4dagogik vermittelt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Allerdings hat Hartlaub mit dem Reden vom \u201eGenius im Kinde\u201c zugleich ein folgenreiches Missverst\u00e4ndnis bef\u00f6rdert. N\u00e4mlich den, Kinder w\u00fcrden Kunst machen, und dies sei gewisserma\u00dfen in einem urspr\u00fcnglichen \u201eGenius\u201c veranlagt. Kinder machen keine Kunst im avancierten Sinne. Das k\u00f6nnen und m\u00fcssen sie auch gar nicht, es geht um etwas viel Grundlegenderes, n\u00e4mlich das bildnerische Darstellungsverm\u00f6gen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Hartlaub lie\u00df sich auch von seinem Sohn Felix inspirieren. In der unverbildeten, kindlichen Darstellungsweise sah er Parallelen zur primitiven Kunst und entdeckte kunsthistorisches Neuland. Hielten ihn seine Zeitgenossen nicht f\u00fcr naiv?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prof. Jochen Krautz: &#8222;Die Faszination des Kunsthistorikers Hartlaub f\u00fcr das bildnerische Schaffen seines Sohnes ist ja nichts Ungew\u00f6hnliches. Das geht den meisten Eltern so und ist eine wichtige Voraussetzung daf\u00fcr, dass junge Menschen eine Neigung zur Kunst entwickeln k\u00f6nnen. Das wird auch bei seinem Sohn Felix so gewesen sein.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ob und wie die Aufmerksamkeit daf\u00fcr ausgebildet ist, ist aber historisch und kulturell bedingt. Kinder zeichnen nur dann, wenn das entsprechende Material verf\u00fcgbar ist und dies kulturell erw\u00fcnscht und gef\u00f6rdert wird. Das ist in unserem Kulturkreis erst seit etwa 150 Jahren der Fall, seitdem also g\u00fcnstiges Papier und Stifte verf\u00fcgbar war. Um 1880 \u201eentdeckte\u201c man die Kinderzeichnung buchst\u00e4blich als eigene Gestaltungsform. Das hei\u00dft, man wurde auf ein Ph\u00e4nomen aufmerksam, das vorher einfach kaum jemanden interessiert hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Historisch bedingt ist daher auch, was man darin sieht: Hartlaub stellte dem Geist seiner Zeit folgend expressionistische Kunst aus. Kaum verwunderlich \u201eentdeckte\u201c er solche Qualit\u00e4ten in den Arbeiten seines Sohnes. Der sog. \u201ePrimitivismus\u201c war in der Kunst der Zeit ja en vogue: Der japanische Holzschnitt beeinflusste die Impressionisten, Picasso und andere lie\u00df sich von afrikanischen Masken inspirieren usw. \u00dcberall lag das romantische Motiv zugrunde, etwas \u201eUnverf\u00e4lschtes\u201c, \u201eUnverdorbenes\u201c zu entdecken und zu machen. Man wollte Ausbrechen aus dem rationalen, verwissenschaftlichten und technischen Zeitgeist der westlichen Kultur.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">F\u00fcr die Kunst war das sehr bereichernd, wenn die Art und Weise der Rezeption anderer Kulturen aus heutiger Sicht auch fragw\u00fcrdig war. F\u00fcr die Kunstp\u00e4dagogik war das aber eben auch problematisch: Wenn das \u201eUnverbildete\u201c, wie auch in der Frage formuliert, zum Ideal wird, ist ein verh\u00e4ngnisvoller Gegensatz von Kultur und Bildung konstruiert. Dann bildet man sich nicht mehr an der Kultur, sondern diese erscheint als Ballast, mit dem man Kindern tendenziell etwas antut.&#8220;<b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Aus der Ausstellung mit dem Titel \u201eDer Genius im Kinde\u201c entstand ein Jahr darauf die erste gleichnamige Publikation, in der Hartlaub die Frage nach der Weiterbildung kindlicher M\u00f6glichkeiten stellt. Wie werden heute k\u00fcnstlerische Begabungen gef\u00f6rdert?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prof. Jochen Krautz: &#8222;K\u00fcnstlerische \u201eBegabung\u201c gibt es bis auf ganz wenige Sonderf\u00e4lle nicht. Genauso wenig wie andere \u201eBegabungen\u201c, wenn man darunter wie \u00f6ffentlich \u00fcblich, feste Pr\u00e4dispositionen versteht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aufgabe von Kunstunterricht ist nicht \u201eBegabungen\u201c zu diagnostizieren und zu f\u00f6rdern, sondern alle Kinder und Jugendlichen zu begaben! Begabender Kunstunterricht geht von den grundlegenden, anthropologischen \u201eBegabungen\u201c aus: Jeder Mensch verf\u00fcgt \u00fcber visuelle und gesamtleibliche Wahrnehmungsf\u00e4higkeit, \u00fcber ein reiches bildhaftes Vorstellungsverm\u00f6gen und die grunds\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit, bildnerische Darstellungen in den unterschiedlichsten Gattungen und Medien zu entwickeln. Das kann und muss man Kindern und Jugendlichen gezielt beibringen, damit sie \u00fcberhaupt das, was sie an Kreativit\u00e4t ebenso nat\u00fcrlich mitbringen, in eine Form bringen k\u00f6nnen, die in unserer kulturellen Welt f\u00fcr andere bereichernde Mitteilung machen k\u00f6nnen. Kunst ist nicht reiner Selbstausdruck, sondern eine M\u00f6glichkeit, sich mit der Welt, den Mitmenschen und mir selbst in eine Beziehung zu setzen, der man \u00fcber Gestaltung eine wahrnehmbare Form geben kann.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Blickumkehr von dem, was Kinder oder Jugendliche von sich aus vermeintlich \u201eunverbildet\u201c aufgrund von \u201eBegabung\u201c tun, auf die Aufgabe des Begabens, f\u00fchrt in unserer kunstdidaktischen Forschung dazu, dass Kinder und Jugendliche bislang kaum f\u00fcr m\u00f6glich gehaltene Entwicklungsspr\u00fcnge machen. Die k\u00f6nnte man f\u00fcr \u201eHochbegabung\u201c halten, tats\u00e4chlich sind sie Ergebnis intensiver und kooperativer Lehr- und Lernprozesse.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Prof. Krautz, Sie haben im letzten Jahr eine systematische \u201eEinf\u00fchrung in die Kunstp\u00e4dagogik\u201c ver\u00f6ffentlicht. Wie wichtig ist Kunst im Unterricht?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prof. Jochen Krautz: &#8222;Wenn Sie das einen Kunstp\u00e4dagogen fragen, ist die Antwort nat\u00fcrlich klar: enorm wichtig. Ich will nun aber nicht die romantischen Pathosformeln herunterbeten, die ich oben kritisiert habe. Das hilft nicht weiter.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Kunstunterricht ist wichtig, weil er ein zentraler Teil Allgemeiner Bildung ist. Das ist kaum noch verst\u00e4ndlich, in einer Zeit, in der man vor allem auf den PISA-relevanten Kompetenz-Output schaut. Aber wir leben in einer wie kaum zuvor von Bildern gepr\u00e4gten Zeit, wir haben eine reiche k\u00fcnstlerisch-kulturelle Tradition und wir haben das grunds\u00e4tzliche Bildverm\u00f6gen der Kinder und Jugendlichen, dass nach Bet\u00e4tigung und Bildung dr\u00e4ngt: Das sind im Wesentlichen die gesellschaftlichen, fachlichen und anthropologischen Ebenen der Begr\u00fcndung von Kunstunterricht. Wir brauchen ihn, weil das eigene Wahrnehmen-, Vorstellen und Gestaltenk\u00f6nnen mit allen Sinnen und dem ganzen Leib ganz zentral zu unserer Vorstellung von Menschsein geh\u00f6rt. Derart k\u00f6nnen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler sich gestaltend und verstehend in die unfassbar gro\u00dfe Tradition von Bildender Kunst und angewandter Bildkultur einfinden. Sie k\u00f6nnen sich diese anverwandeln, also zu etwas machen, das sie selbst bereichert. Und sie k\u00f6nnen sie auch kritisch beurteilen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Damit leistet Kunstunterricht auch Beitr\u00e4ge zu Qualifikationen, die etwa beruflich relevant sind, das vergisst man gerne. Aber das sind Begleiteffekte eines gut strukturierten, vielf\u00e4ltigen Kunstunterrichts, nicht sein Hauptziel. Dazu aber brauchen wir nicht alle m\u00f6glichen Kunst-Einzelprojekte und am Nachmittag \u201eK\u00fcnstler an die Schulen\u201c, sondern einen durchgehenden Kunstunterricht \u00fcber alle Schuljahre hinweg. Wir versuchen unseren Teil dazu beizutragen, indem wir k\u00fcnftige Kunstlehrerinnen und -lehrer bilden, die das auch k\u00f6nnen, wenn man sie l\u00e4sst.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. 1921 fand die erste Kinderkunstausstellung in Deutschland statt. Im Interview spricht der Kunstp\u00e4dagoge Prof. Dr. Jochen Krautz \u00fcber den Wert des kindlichen Gestaltens, ein folgenreiches Missverst\u00e4ndnis und dar\u00fcber, was Kunstunterricht leisten kann.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-35127","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-07-03 23:39:03","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35127","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=35127"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35127\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":35166,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/35127\/revisions\/35166"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=35127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=35127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=35127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}