{"id":34872,"date":"2021-04-14T18:26:23","date_gmt":"2021-04-14T16:26:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34872"},"modified":"2021-04-14T18:26:23","modified_gmt":"2021-04-14T16:26:23","slug":"jahr100wissen-die-bauplastiken-auf-dem-barmer-rathaus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/04\/14\/jahr100wissen-die-bauplastiken-auf-dem-barmer-rathaus\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Die Bauplastiken auf dem Barmer Rathaus"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34875\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34875\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Jahr100Wissen_Doris_Lehmann_privat-2-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Doris H. Lehmann &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Im Interview widmet sich Dr. Doris H. Lehmann den\u00a0Bauplastiken des Barmer Repr\u00e4sentationsbaus und ihrer Geschichte.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28378\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstand der Plan eines gro\u00dfen Rathauses in Barmen. Es sollte gr\u00f6\u00dfer werden als das 1900 eingeweihte Rathaus in Elberfeld. Der erste Weltkrieg verz\u00f6gerte die Bauarbeiten, sodass erst am 23. April 1921 das Barmer Rathaus eingeweiht werden konnte. Der Bau wurde in einem neoklassizistischen Stil erbaut. Woran erkennt man das?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>Man erkennt den neuklassizistischen Stil, wenn man die Fassade des Repr\u00e4sentationsbaus genau ansieht. Hier wecken die zum Geb\u00e4ude f\u00fchrende Treppe mit den flankierenden Skulpturen, die Fassadengliederung durch S\u00e4ulen und die bekr\u00f6nende Attika mit darauf stehenden Figuren Assoziationen mit antiken oder klassizistischen Bauformen. Das unterscheidet sich erkennbar von beispielsweise neugotischen Rath\u00e4usern, die mittelalterliche Vorbilder rezipierten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Gestaltung und die Kombination der Formen am Barmer Rathaus sind auf eine Art antikisch, die ihre Entstehung nach 1900 verr\u00e4t: Um die Regelhaftigkeit des Baus zu betonen, wurde auf Grenzen \u00fcberspielendes Dekor verzichtet. Die ausgew\u00e4hlten architektonischen W\u00fcrdeformeln ordnen die Schauseite horizontal und vertikal klar. Untypisch f\u00fcr eine antike Baugliederung sind die von S\u00e4ulenpaaren getragenen geschoss\u00fcbergreifenden Kolossals\u00e4ulen. Nicht die Nutzung des Geb\u00e4udes als Rathaus erforderte dies, sondern seine Aufgabe als Repr\u00e4sentationsbau.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der Dresdner Bildhauer Richard Guhr konzipierte f\u00fcr das Haus sogenannte Bauplastiken, die der Barmer Bildhauer Heinrich Ostlinning ausf\u00fchrte. Was sind Bauplastiken?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>Bauplastiken sind fig\u00fcrlich gestaltete Bildwerke, die als wesentliche Bestandteile eine Architektur erg\u00e4nzen und schm\u00fccken. Im Fall des Barmer Rathauses erf\u00fcllen die Bauplastiken niht nur dekorative Zwecke, sie vermitteln auf repr\u00e4sentative Weise die Funktion des Geb\u00e4udes und stellen es in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang&#8220;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c28379\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-left csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Acht dieser Figuren schm\u00fccken die Attika. Die Modelle stellen die Aufgaben der Kommunen dar, also Wohlfahrtspflege, allgemeine Verwaltung, Tiefbau, Rechtspflege, Gesundheitspflege, Hochbau, Finanzverwaltung und Schulverwaltung. Das bevorzugte Material war meist Kalk- oder Sandstein. Kann man das am besten bearbeiten?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>Sandstein ist in der Tat in Deutschland als Baumaterial sehr weit verbreitet, weil es sich sehr gut zur Bearbeitung eignet. Die Beliebtheit h\u00e4ngt aber auch damit zusammen, dass dieser Werkstein durch den einheimischen Abbau leichter zur Verf\u00fcgung steht als andere Steinsorten. Sandstein ist gut haltbar, auch wenn es technische Unterschiede je nach der Zusammensetzung gibt. Kalkstein z\u00e4hlt dem gegen\u00fcber zu den sehr festen Werksteinen, wird also wegen seiner Festigkeit gesch\u00e4tzt. Seine Widerstandsf\u00e4higkeit gegen Frost bietet Bauherren und Architekt*innen insbesondere f\u00fcr den Au\u00dfenbereich Vorteile.&#8220;<\/p>\n<div id=\"attachment_6454\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 894px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6454\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/0f3215f9022da3931868cbe292e41680.jpg\" alt=\"Foto: Paul Coon\" width=\"884\" height=\"590\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Das Barmer Rathaus &#8211; \u00a9 Paul Coon<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\"><b>\u00dcber dem Seiteneingang an der Wegnerstra\u00dfe wurde ein weiteres, wiederum von Richard Guhr entworfenes und diesmal vom Barmer Bildhauer Georg Kauper in Muschelkalk ausgef\u00fchrtes Relief angebracht. Das Relief zeigt unter anderem einen L\u00f6wenkopf, Putten, einen verwundeten Soldaten, ein junges M\u00e4dchen, zwei Nonnen, und mehrere Gelehrte. Eine Flamme auf einem Sockel, an deren Schale ein Eisernes Kreuz zu sehen ist, bildet den Mittelpunkt. Ein Ensemble mit einer F\u00fclle von Symbolen. Wie wichtig sind Symbole in der bildhauerischen Kunst?<br \/>\n<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>Symbole sind f\u00fcr plastische Darstellungen geeignet, um auf komplexe Inhalte vereinfacht und ohne erkl\u00e4rende Worte hinweisen zu k\u00f6nnen. Die Bildsprache ist je nach Adressaten und Kontext aber auch variabel, ein Symbol kann also unterschiedliche Bedeutungen haben. F\u00fcr das Barmer Rathaus d\u00fcrften lokalspezifische und damals relevante Bez\u00fcge eingearbeitet worden sein. Der Stolz auf die Krankenpflege passt zu dem damaligen Engagement in diesem Bereich.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>An der Westseite des Rathauses, am heute geschlossenen Eingang am Heubruch, findet sich eine Bronzefigur des aus Elberfeld stammenden Bildhauers Paul Wynand, der auch bei Auguste Rodin gelernt hat. Die Figur, die fr\u00fcher vergoldet war, symbolisiert die f\u00fcr Barmen so wichtige Textilindustrie. Die filigrane Frauenfigur hebt sich vom rosa Farbanstrich der Geb\u00e4udefassade deutlich ab. Waren diese Plastiken eigentlich feste Auftragsarbeiten, oder wollte man einfach nur namhafte K\u00fcnstler verpflichten, die dann in k\u00fcnstlerischer Freiheit Skulpturen erschufen?<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>K\u00fcnstlerische Freiheit f\u00fcr eine \u00f6ffentlich repr\u00e4sentative Fassade k\u00f6nnen wir f\u00fcr die Zeit um 1920 nicht als realistisches Auftragsszenario annehmen. Selbst Rodin besa\u00df diese Freiheit nicht. Bis heute sind \u00f6ffentliche Auftr\u00e4ge kein Arbeitsbereich, in dem bildende K\u00fcnstler*innen tun und lassen k\u00f6nnen was ihnen beliebt. Es gibt bekannte F\u00e4lle, in denen es Streit gab zwischen \u00f6ffentlichen Auftraggebern und K\u00fcnstler*innen, deren k\u00fcnstlerische Eigenst\u00e4ndigkeit als Affront aufgefasst wurde, weil Vorgaben nicht eingehalten wurden. Wir m\u00fcssen davon ausgehen, dass im Fall der Plastiken f\u00fcr die Fassadengestaltung des Barmer Rathauses zu erf\u00fcllende Aufgaben definiert wurden. Vermutlich wurden die Auftr\u00e4ge ausgeschrieben, das konnte auch in Rahmen eines eingeschr\u00e4nkten Wettbewerbs geschehen. Falls Akten und Briefe zu diesen Auftr\u00e4gen erhalten sind, k\u00f6nnten diese als historische Quellen solche Fragen beantworten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Bronzesockel der beiden Fahnenmasten auf dem Rathausplatz stammen von Paul Wynand. In der Detailansicht erkennt man auch einen Soldaten mit Stahlhelm, der ansonsten nackt ist. Warum sind viele Skulpturen oft nur leichtgesch\u00fcrzt oder gar nackt, wo doch die Zeit, in der sie erschaffen wurden, sehr pr\u00fcde war?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Doris Lehmann: &#8222;<\/b>Diese Figuren, die aus dem Reliefgrund hoch erhoben sind, zeigen eine \u201eideale Nacktheit\u201c. Das Fehlen der Kleidung ist ihr Kost\u00fcm, die m\u00e4nnliche Erscheinung wird dadurch als heroisch erkennbar. Die Nacktheit verweist auf eine \u00fcberzeitliche Bedeutung und einen gr\u00f6\u00dferen Kontext. Legitimiert werden konnte diese Art der Nacktheit durch eine bis in die Antike zur\u00fcckreichende Tradition.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit Ereignissen, die 100 Jahre zur\u00fcckliegen und von besonderer Bedeutung f\u00fcr die Gesellschaft waren. Am 23. April 1921 wurde das Barmer Rathaus eingeweiht. Dr. Doris H. Lehmann ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin f\u00fcr Kunstgeschichte an der Fakult\u00e4t f\u00fcr Design und Kunst.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34872","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-10 21:38:11","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34872","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34872"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34872\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34877,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34872\/revisions\/34877"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34872"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34872"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34872"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}