{"id":34814,"date":"2021-04-13T08:35:26","date_gmt":"2021-04-13T06:35:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34814"},"modified":"2021-04-13T08:35:26","modified_gmt":"2021-04-13T06:35:26","slug":"jahr100wissen-die-operette-der-20er-jahre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/04\/13\/jahr100wissen-die-operette-der-20er-jahre\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Die Operette der 20er Jahre"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34816\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34816\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Jahr100Wissen_Prof._Erlach-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Thomas Erlach &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Eduard K\u00fcnnekes Operette \u201eDer Vetter aus Dingsda\u201cwurde am 15. April 1921 in Berlin uraufgef\u00fchrt. Was bedeutete das f\u00fcr die Musikwelt der 20er Jahre?<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28373\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>\u201eDer Vetter aus Dingsda\u201c von Eduard K\u00fcnneke wurde am 15. April 1921 in Berlin uraufgef\u00fchrt. Worum geht es in dieser Operette?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Wie bei vielen Operetten dreht es sich um das Thema einer Eheanbahnung mit Verwicklungen. Wir haben es hier mit einer Hauptfigur namens Julia de Weert zu tun, die auf einem holl\u00e4ndischen Schl\u00f6sschen lebt und seit sieben Jahren auf ihren verschollenen Vetter und Verlobten Roderich wartet, der ihr die Treue geschworen hat, dann aber nach Batavia verschwunden ist, einer Stadt in der damaligen Kolonie Niederl\u00e4ndisch-Ostindien, das heutige Jakarta. Die Stiefeltern, bei denen Julia lebt, sind allerdings ganz anderer Auffassung bez\u00fcglich ihrer ehelichen Zukunft und haben einen anderen Vetter mit dem wenig reizvollen Namen August Kuhbrot f\u00fcr sie vorgesehen, damit das reiche Erbe, dass Julia mitbringt, in der Familie bleibt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Im Laufe der Handlung tauchen dann zwei fremde M\u00e4nner auf. In den einen, angeblich ein \u201earmer Wandergeselle\u201c, verliebt sich Julia erstaunlicherweise sofort. Dadurch entsteht ein dramatischer Konflikt zwischen der Wirklichkeit und dem Treueideal, das Julia bisher kultiviert hat. Dieser Fremde ist in Wirklichkeit August Kuhbrot, er tut aber so, als ob er Roderich w\u00e4re, weil er in Julias Beuteschema hineinpassen m\u00f6chte. Es gibt dann einen weiteren, einheimischen Mann, Egon, der auch an Julia interessiert ist, f\u00fcr sie aber nicht in Frage kommt, die Figur des unbeholfenen Rivalen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dieser Rivale enttarnt den falschen Roderich; am Ende taucht dann schlie\u00dflich als zweiter Fremder auch noch der echte Roderich auf, der sich spontan in Julias Freundin verliebt. So kommt es operettentypisch nach einigen Verwicklungen zu der richtigen Verbindung von zwei Paaren \u2013 die beiden fremden M\u00e4nner finden passende Partnerinnen, nur der unbeholfene Egon bleibt allein und wird nach Batavia geschickt.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Operette ist ja nach ihrer Bedeutung die \u201ekleine Oper\u201c. Was unterscheidet sie von der gro\u00dfen Oper?<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>\u00c4u\u00dferlich betrachtet ist f\u00fcr Operetten die Mischung aus gesprochenen Dialogen, Gesang und Tanz kennzeichnend. Es wird also nicht durchgehend gesungen, wie das bei den meisten Opern der Fall ist. Die T\u00e4nze sind immer am Puls der jeweiligen Entstehungszeit, und die Entwicklung der Handlung spielt sich h\u00e4ufig in drei Akten ab. Zun\u00e4chst wird dazu ein dramatischer Knoten aufgebaut, der immer im Kontext einer sich anbahnenden Liebesbeziehung steht, die aber aus irgendwelchen Gr\u00fcnden nicht ganz passend ist.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gegen Ende des zweiten Aktes, also vor der Pause, kommt dieser Konflikt ans Licht und es droht ein Scheitern. Nach der Pause erfolgt dann die L\u00f6sung, fast immer in Form eines Happy Ends. \u00dcberspitzt kann man sagen: In einer Oper sind am Ende alle tot, in der Operette finden sich die Richtigen. Das stimmt nat\u00fcrlich in dieser Zuspitzung nicht, aber es enth\u00e4lt einen wahren Kern: Die Oper entwickelte sich gattungsgeschichtlich aus der antiken Trag\u00f6die, die Operette aus der Kom\u00f6die, es gibt also einen grundlegenden Unterschied im Genre.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Kritiker sprachen damals von einem Meisterwerk der Berliner Operette, das zu Beginn der Goldenen Zwanziger den Trend nach Exotismus geh\u00f6rig auf die Schippe nimmt. Was ist damit gemeint?<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach:<\/b>\u00a0&#8222;Unter Exotismus versteht man die Tendenz, Schaupl\u00e4tze in der Fremde vorzuf\u00fchren \u2013 h\u00e4ufig klischeehaft, sei es im verkl\u00e4renden oder auch im bedrohlichen Sinne. Man spricht auch vom \u201eReiz des Fremden\u201c. In der Operette der 1920er Jahre war Exotismus ebenfalls ein bedeutendes Thema. Ich nenne als Beispiele von Franz Leh\u00e1r \u201eDas Land des L\u00e4chelns\u201c, in der \u201echinesisch\u201c klingende Musik eingesetzt wird, und den \u201eZarewitsch\u201c mit russischem Kolorit, oder auch \u201eDie Blume von Hawaii\u201c von Paul Abraham, eine Operette, die teilweise in Honolulu spielt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Man hat heute oft den Verdacht, dass hinter diesen St\u00fccken kolonialistische Tendenzen stecken, dass sie deshalb nicht mehr salonf\u00e4hig sind, \u00fcbersieht dabei aber vielleicht die aufkl\u00e4rerischen Wurzeln, aus denen diese Einf\u00fchrungen fremder Welten stammen. K\u00fcnneke unterscheidet sich von dem \u00fcblichen Exotismus der 20er-Jahre-Operetten, weil er den Exotismus nicht als dekorativen Zusatz verwendet, sondern ironisch behandelt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Exotismus im \u201eVetter aus Dingsda\u201c erscheint in Gestalt des Ortes Batavia auf der Insel Java, der allerdings nicht gezeigt, sondern nur erw\u00e4hnt wird. Hinzu kommt, dass derjenige, der davon erz\u00e4hlt, n\u00e4mlich August Kuhbrot, in Wirklichkeit gar nicht dort war. Es liegt also eine doppelte Brechung der Perspektive auf den Ort vor.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Zu seinem Erfolg trug K\u00fcnnekes Geschick bei, Gesangsnummern mit den damals neu aufkommenden Modet\u00e4nzen Foxtrott, Paso doble, Tango oder Valse Boston zu verweben. Ver\u00e4nderte er damit die Operette im 20. Jahrhundert?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach: &#8222;<\/b>Ja, auf jeden Fall. In fr\u00fcheren Operetten war der Tanz vor allen Dingen mit einem Kollektiv verbunden. Wenn man an Offenbachs \u201eH\u00f6llengalopp\u201c denkt oder auch den 2. Akt der \u201eFledermaus\u201c von Johann Strau\u00df, so geht es dort um ekstatische Massenspektakel. In sp\u00e4teren Operetten (zum Beispiel in Leh\u00e1rs \u201eLustiger Witwe\u201c) wurde auch bei Duetten und anderen Ensemble-Szenen h\u00e4ufiger getanzt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es werden dann zum Beispiel zwei Strophen gesungen und zur Musik der dritten Strophe wird getanzt. Nun muss man wissen, dass im ersten Weltkrieg das Tanzen in Deutschland verboten war, und dass dieses Tanzverbot erst an Silvester 1918 wieder aufgehoben wurde. Das l\u00f6ste offenbar eine regelrechte Tanzepidemie aus. In diese Zeit f\u00e4llt auch die Urauff\u00fchrung des \u201eVetter aus Dingsda\u201c, und K\u00fcnneke verwendete hierbei die genannten T\u00e4nze, die neu nach Europa kamen. Man kann sagen, dass die Operettenkomponisten der 20er Jahre gerade diese aus Amerika kommenden Tanzformen aufgriffen, zum Beispiel auch Shimmy und (sp\u00e4ter) Charleston.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Besonderheit beim \u201eVetter aus Dingsda\u201c liegt darin, dass die T\u00e4nze nicht beliebig eingesetzt werden, sondern einen Bezug zur Handlung aufweisen.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>\u201eDer Vetter aus Dingsda\u201c<\/b><b> bietet alles, was man sich w\u00fcnschen kann: schw\u00e4rmerisch-romantische Momente, herzergreifende Gef\u00fchlsverwirrungen, mitrei\u00dfende Tanzrhythmen und eine gute Prise Walzerseligkeit! Wie vermittelt man diese Musik heute einem Social Media-Publikum?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Dr. Thomas Erlach:<\/b>\u00a0&#8222;Die Themen, die hier besprochen werden, geh\u00f6ren heute wie damals zur Lebenswelt junger Leute. Julia de Weert wird gerade vollj\u00e4hrig, sucht den passenden Partner, hat romantische Fantasien und erf\u00e4hrt Verwicklungen und Entt\u00e4uschungen. Eine solche Thematik spricht junge Menschen immer an. Im Bereich der Musiktheaterp\u00e4dagogik habe ich im Laufe der Jahre die Erfahrung gemacht, dass es am besten funktioniert, wenn man etwas selbst tut und ausprobiert. Also: sich in die Rollen des St\u00fccks hineinversetzen, die dargestellten Begebenheiten mit eigenen Erfahrungen zu verkn\u00fcpfen und das dann vor anderen in Szene zu setzen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Solch kleine B\u00fchnen\u00fcbungen, auch unter Hinzunahme von Musik, machen Spa\u00df, und man findet schnell in das St\u00fcck hinein. Bei unseren Studierenden erlebe ich eine gro\u00dfe Offenheit gegen\u00fcber dem Thema Operetten. Ich habe mehrfach Operettenseminare angeboten, auch mal ein Operettenprojekt. Das fand immer begeisterten Zuspruch. Ich glaube, es ist die Mischung aus Humor und sch\u00f6ner Musik, die anziehend ist. Allerdings denke ich, dass so ein St\u00fcck nur analog funktioniert und nicht digital, weil es f\u00fcr eine kleine B\u00fchne konzipiert ist und von k\u00f6rperlicher Bewegung sowie von der N\u00e4he und Distanz der Protagonisten lebt.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine anziehende Mischung aus Humor und sch\u00f6ner Musik. In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. Der Musikwissenschaftler Prof. Dr. Thomas Erlach widmet sich der Urauff\u00fchrung von Eduard K\u00fcnnekes Operette \u201eDer Vetter aus Dingsda\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34814","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-12 12:48:08","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34814","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34814"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34814\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34817,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34814\/revisions\/34817"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34814"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34814"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34814"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}