{"id":34706,"date":"2021-04-07T12:19:11","date_gmt":"2021-04-07T10:19:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34706"},"modified":"2021-04-07T12:19:38","modified_gmt":"2021-04-07T10:19:38","slug":"comics-vom-lueckenfueller-zur-kunstform","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/04\/07\/comics-vom-lueckenfueller-zur-kunstform\/","title":{"rendered":"Comics: Vom L\u00fcckenf\u00fcller zur Kunstform"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34707\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34707\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Transfer_Dr._Christian_Klein-1024x712.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"712\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Christian Klein &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">So zum Beispiel Germanist und Dozent Dr. Christian Klein von der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal, der die kunstvollen Bildergeschichten erforscht. In den Bergischen Transfergeschichten spricht er \u00fcber die Entwicklung des modernen Comics und dar\u00fcber, was sich mit ihnen alles ausdr\u00fccken l\u00e4sst.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28364\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Comics, wie wir sie heute lieben, entstanden am Ende des 19. Jahrhunderts in den Vereinigten Staaten. \u201eZun\u00e4chst gab es ganzseitige Comic-Geschichten in den Sonntagsbeilagen der Tageszeitungen, deren Beliebtheit dazu f\u00fchrte, dass man auch unter der Woche die Leser:innen mit Comics unterhalten wollte. Dass Comicstrips so aussehen, wie wir sie heute kennen, hat damit zu tun, dass sie in den Wochentagausgaben da eingesetzt wurden, wo gerade noch Platz war\u201c, wei\u00df Christian Klein, der in der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften als Privatdozent Neuere deutsche Literaturgeschichte und Allgemeine Literaturwissenschaft lehrt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDa hatte man eben Spalten, in die passten nur schmale Streifen mit wenigen Bildern \u2013 f\u00fcr diese fr\u00fchen ,Comic-Streifen\u2018 hat sich dann schnell der Begriff ,Comicstrip\u2018 eingeb\u00fcrgert.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Ein L\u00fcckenf\u00fcller generiert eine neue Leserschaft<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Zeitungen nutzten die Dienste der aufkommenden Comiczeichner zun\u00e4chst als unterhaltsame L\u00fcckenf\u00fcller, um textfreie Stellen auszuf\u00fcllen. Aber mit den kurzen Bilderfolgen eroberten sie zeitgleich eine neue K\u00e4uferschicht, denn: \u201eDie fr\u00fchen Comics waren oft an bestimmte Personengruppen gerichtet\u201c, erkl\u00e4rt der Wissenschaftler.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">So zielte der erste erfolgreiche Comicstrip des Zeichners Richard Felton Outcault, der Geschichten um das sogenannte \u201eYellow Kid\u201c erschuf, auf irische Emigrant*innen ab. Er lie\u00df seine neu geschaffene Kunstfigur in einem Slang sprechen, in dem sich die Eingewanderten wiedererkannten. \u201eEntsprechend war dieser Comic unter den irischen Emigranten sehr erfolgreich. Damit hat sich die Zeitung eine Leserschaft erschlossen, die sonst die Zeitung vermutlich nicht gekauft h\u00e4tte.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Wie viele von uns, ist auch Christian Klein zu seinen gezeichneten Helden \u00fcber das Comicsortiment der Zeitschriftenhandlungen beim Einkauf der Eltern gekommen. \u201eIch habe als Kind viele Comics gelesen. Bei uns zu Hause waren Comics nicht verp\u00f6nt\u201c, erkl\u00e4rt der geb\u00fcrtige Bremer. \u201eWenn man von Helden in Comics spricht, denkt man nat\u00fcrlich gleich an Superhelden. Es gibt im Hinblick auf Superheldencomics drei Zeitalter\u201c, erkl\u00e4rt Klein, \u201edas Goldene, das Silberne und das Dunkle Zeitalter, und in der ersten Phase waren die alle strahlend und patriotisch \u2013 wie eben Superman.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Aber mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kippte die Gewogenheit der Leserschaft, denn sie empfanden diese durchweg positiven Helden zunehmend als langweilig. \u201eDann hat man verst\u00e4rkt auf gebrochene Figuren wie zum Beispiel Spiderman gesetzt, der eigentlich ein ganz normaler Junge ist, der durch einen Unfall zu seinen besonderen F\u00e4higkeiten kommt, die ihm nicht nur Freude machen. Er hadert mit seinen ganzen Jugendlichen-Problemen und ist au\u00dferdem noch Superheld.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Immer wieder besch\u00e4ftigte sich Klein mit der Kunstform Comic und kam dann mit seiner Kollegin Julia Abel auf die Idee, ein Comicseminar an der Bergischen Universit\u00e4t anzubieten, um die diversen Facetten der gezeichneten Bilderfolgen zu beleuchten. \u201eIm deutschsprachigen Raum kann man sagen, dass die intensive wissenschaftliche Besch\u00e4ftigung mit Comics so um die Jahrtausendwende anf\u00e4ngt, w\u00e4hrend das in den USA und auch in Frankreich schon fr\u00fcher losgeht\u201c, erz\u00e4hlt er.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Entwicklung in den USA war allerdings zun\u00e4chst von einer comicfeindlichen Haltung gepr\u00e4gt. \u201eIn den 50er und 60er Jahren wollte man n\u00e4mlich von soziologischer und psychologischer Seite her belegen, dass Comics schlecht f\u00fcr die Jugend seien, und hat sich aus diesem Grund intensiv mit Comics besch\u00e4ftigt\u201c, erl\u00e4utert der Forscher. Die heftige \u00f6ffentliche Kritik an Horrorcomics oder Kriminalcomics f\u00fchrte bei den Verlagen zu einer Art Selbstzensur, dem sogenannten \u201eComics Code\u201c, den sie sich aus Angst, ihre Hefte k\u00f6nnten nicht mehr verkauft werden, auferlegten. Fortan waren alle m\u00f6glicherweise kontroversen Themen und Darstellungen tabu.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDer ,Comics Code\u2018 f\u00fchrte zu einer inhaltlichen Verflachung der Comics und zu einer Anpassung an das herrschende konservative Wertesystem\u201c, sagt Klein. \u201eAber in den 60er Jahren entwickelte sich eine Art Gegenbewegung, die sogenannten Undergroundcomics, die jetzt alles zeigten: Drogenkonsum, Sex, Gewalt, Wahnsinn, alles, was in den weichgesp\u00fclten Comics f\u00fcr die Jugend keinen Platz hatte.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Undergroundcomics oder auch \u201eComix\u201c \u2013 das \u201ex\u201c am Ende steht dann selbstironisch f\u00fcr \u201ex-rated\u201c, also nicht jugendfrei \u2013 bilden so auch die Grundlage f\u00fcr den Boom der Graphic Novel in den 80er Jahren. \u201eComic-Autoren wie Art Spiegelman, die im Underground-Milieu anfingen, sorgten daf\u00fcr, dass die Graphic Novels \u2013\u00a0also l\u00e4ngere Comic-Erz\u00e4hlungen in Buchformat, die sich eher an ein erwachsenes Publikum richten \u2013 auch im seri\u00f6sen Feuilleton ankamen. Die Freiheit und Subversion war f\u00fcr die Autoren ganz wichtig. Das ist dann mit ein bisschen Versp\u00e4tung auch nach Deutschland \u00fcbergeschwappt.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Mit allen zentralen Genres vom Comicstrip \u00fcber Superhelden-Comic und Graphic Novel bis zu Mangas besch\u00e4ftigt sich auch das Buch von Klein und Abel, \u201eComics und Graphic Novels\u201c, in dem sie einen \u00dcberblick \u00fcber die historisch-kulturellen, theoretischen und analytischen Dimensionen der Besch\u00e4ftigung mit Comics und Graphic Novels bieten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der Comic kann vieles darstellen, wof\u00fcr einem die Worte fehlen<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDer Comic hat in der Regel eine Erz\u00e4hlebene mehr, weil Comics ja normalerweise aus Text und Bild bestehen\u201c, erkl\u00e4rt Klein. \u201eEr kann dadurch auch sehr komplex erz\u00e4hlen, ohne dass das f\u00fcr den Leser kompliziert wird.\u201c Die Text-Bild-Beziehung erm\u00f6gliche es etwa, gleichzeitig verschiedene Erz\u00e4hlerstimmen oder verschiedene Erz\u00e4hlperspektiven zu pr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eWir haben also auf einen Blick Erz\u00e4hlendes und Erlebendes Ich in einem Bild pr\u00e4sent. Diese Form der Gleichzeitigkeit ist bei Erz\u00e4hltexten so nicht m\u00f6glich, k\u00f6nnte nur ann\u00e4herungsweise mit viel Aufwand erreicht werden, weil Erz\u00e4hltexte auf Sukzessivit\u00e4t verpflichtet sind, weil man Wort f\u00fcr Wort lesen muss. Der Comic kann diese Gleichzeitigkeit durch die Text-Bild-Kombination problemlos herstellen. Gerade die Bilder erm\u00f6glichen es, dass im Comic vieles thematisiert und dargestellt werden kann, wof\u00fcr einem vielleicht die Worte fehlen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Generations\u00fcbergreifend, weil voraussetzungslos<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Comicfans findet man in jeder Generation. \u201eIm Idealfall fange ich als Kind an zu lesen und h\u00f6re als Greis nicht mehr auf\u201c, lacht Klein und begr\u00fcndet das mit einer Voraussetzungslosigkeit. \u201eWir m\u00fcssen nicht perfekt lesen k\u00f6nnen, um uns Comics anzusehen. Das ist ja oft auch der Einstieg in die Lesebiografie. Man kann einfach viel \u00fcber die Bilder verstehen.\u201c Und dann erz\u00e4hle der Comic oft auch verschiedene Geschichten f\u00fcr unterschiedliche Adressaten, erkl\u00e4rt der 47-J\u00e4hrige.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eNick Knatterton ist ein gutes Beispiel daf\u00fcr. Den habe ich als Kind als spannende Detektivgeschichte gelesen. Aber da gibt es viele politische Anspielungen. Es taucht zum Beispiel ein Indianerh\u00e4uptling auf, der mir damals \u00fcberhaupt nicht auffiel, aber der sieht genauso aus wie Konrad Adenauer (erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Anm. d. Red.), der etwas zur Wiederbewaffnung sagt und im Comic ironisch gebrochen wird. Das sind dann Botschaften f\u00fcr die Erwachsenen. Gleichzeitig haben wir aber eben auch eine spannende Geschichte f\u00fcr Kinder.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Vielfalt der Comicthemen und -stile ist schier unbeschreiblich. Fantasy und Mangas fesseln den Literaturwissenschaftler nicht so sehr. \u201eAber das ist auch eine Sozialisierungs- und Geschmacksfrage\u201c, gibt er offen zu und sagt \u00fcber seine Studierenden: \u201eIch bin immer wieder fasziniert, wenn ich zum Comic Seminare mache, denn in jedem Seminar sind echte Mangacracks. Die kennen alles, die kleinsten Details und auch die Fachbegriffe.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Buch: Julia Abel \/ Christian Klein (Hg.): Comics und Graphic Novels. Eine Einf\u00fchrung.<br \/>\nJ. B. Metzler Verlag, Stuttgart 2016, 328 Seiten, 24,99 EUR.<\/i><\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p class=\"align-left\">Die komplette Transfergeschichte lesen Sie <a class=\"external-link-new-window\" href=\"https:\/\/www.transfer.uni-wuppertal.de\/de\/transfergeschichten\/transfergeschichten-2021\/dr-christian-klein.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Micky Maus, Donald Duck, Batman, Superman, Popeye, Peanuts, Garfield, Lucky Luke oder auch der Ottifant \u2013 sie alle sind als Comicfiguren Heldinnen und Helden vieler Generationen. L\u00e4ngst sind ihre Geschichten nicht mehr nur als Lesespa\u00df f\u00fcr Liebhaber*innen interessant, seit einigen Jahren besch\u00e4ftigt sich auch die Wissenschaft mit Comics.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34706","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 23:26:31","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34706","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34706"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34706\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34709,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34706\/revisions\/34709"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34706"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34706"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34706"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}