{"id":34598,"date":"2021-04-01T11:39:12","date_gmt":"2021-04-01T09:39:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34598"},"modified":"2021-04-01T11:39:12","modified_gmt":"2021-04-01T09:39:12","slug":"quaekerspeisungen-millionen-portionen-essen-fuer-beduerftige","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/04\/01\/quaekerspeisungen-millionen-portionen-essen-fuer-beduerftige\/","title":{"rendered":"Qu\u00e4kerspeisungen: Millionen Portionen Essen f\u00fcr Bed\u00fcrftige"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34601\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34601\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Jahr100Wissen_Wolfgang_Heinrichs-1024x684.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"684\" \/><span class=\"wp-caption-text\">apl. Prof. Dr. Wolfgang Heinrichs &#8211; \u00a9 Foto privat<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Im \u201eJahr100Wissen\u201c-Interview erkl\u00e4rt der Historiker Wolfgang Heinrichs, was es damit auf sich hat und wer dahintersteckte.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28360\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Durch die sogenannten Qu\u00e4kerspeisungen konnte nach dem 1. Weltkrieg die gr\u00f6\u00dfte Not gelindert werden. Woher kam die Initiative?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wolfgang\u00a0Heinrichs: &#8222;<\/b>Armen- und Schulspeisungen gab es auch schon w\u00e4hrend und vor dem Ersten Weltkrieg. Die Not der Bev\u00f6lkerung r\u00fcckte in Krisenzeiten in den Blickpunkt der Kommunen, aber auch der verschiedenen sozialen Verb\u00e4nde und der Kirche. In Folge des Krieges 1920 (\u00fcbrigens eine Pandemiezeit) und durch die Ruhrkrise sowie die Hyperinflation 1923 waren die Kommunen mit diesem Problem hoffnungslos \u00fcberlastet. Hier sprangen in den verschiedenen St\u00e4dten Deutschlands die Qu\u00e4ker den Kommunen zur Seite, die zus\u00e4tzlich durch die Besatzung von belgischen und franz\u00f6sischen Truppen belastet waren. Ein besonderes Augenmerk lag auf den Kindern und M\u00fcttern. Gerade um Schulspeisungen machten sich die Qu\u00e4ker verdient.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Woher kommt der Name Qu\u00e4ker eigentlich?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wolfgang Heinrichs:<\/b>\u00a0&#8222;Der Name ist schon sehr fr\u00fch entstanden. Die Qu\u00e4ker sind im 17. Jahrhundert durch den jungen englischen Schuhmacherlehrling George Fox entstanden. Sie haben sich selbst nicht Qu\u00e4ker genannt, sondern \u201eFreunde\u201c oder \u201eSucher der Wahrheit\u201c, im Hinblick auf Johannes 15,14f., wo Jesus zu den J\u00fcngern sagt: \u201eIhr seid meine Freunde\u201c, keine Knechte. Sie verstanden sich als die Freunde Jesu und auch als Freunde untereinander. Der Freiheits- und Gleichheitsgedanke tritt zu der Idee der Solidarit\u00e4t. Man hat ihnen von au\u00dfen den Namen Qu\u00e4ker beigelegt, wahrscheinlich von to quake, also beben, weil man sagte, wenn diese Freunde ihre religi\u00f6sen Erfahrungen machen, dann kommt es vor \u2013 und das ist tats\u00e4chlich so gewesen \u2013, dass sie zittern. Sie waren dann innerlich so erregt, dass sie bebten. Also Qu\u00e4ker, die Zitterer \u2013 was zuerst ein Schimpfname war. Aber dann haben die Freunde, die sich heute Society of Friends nennen, den Namen Qu\u00e4ker auch selbst angenommen. Sie haben also den Namen positiv \u00fcbernommen, denn sie sagen, wenn wir Gott begegnen, kommen wir ins Zittern. Dann haben wir eine besondere Erleuchtung, eine heilige Begegnung, und das wirkt sich auch in unseren Herzen aus.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Um welche Gemeinschaft handelt es sich dabei genau?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wolfgang Heinrichs: &#8222;<\/b>Es ist eine im 17. Jahrhundert entstandene Gemeinschaft, entstanden in der Zeit religi\u00f6ser Aufbr\u00fcche in England. In dieser Zeit wurde speziell das Individuum entdeckt. Die Bewegung steht im Kontext des Humanismus und der durch die Reformation ausgel\u00f6sten Fr\u00f6mmigkeitsbewegungen der fr\u00fchen Neuzeit. Die Qu\u00e4ker haben, anders als andere reformatorische Bewegungen, nicht einfach nur gesagt, wir st\u00fctzen uns auf die Bibel, auf die Schriften des Neuen und Alten Testaments, sondern wir setzen auf eine Gotteserfahrung, auf die \u201einward illumination\u201c (innere Erleuchtung durch den Heiligen Geist nach Johannes 1,9) und sind als Gottesgemeinschaft, als Freunde \u2013 auch Freundinnen \u2013 zusammen, die sich gegenseitig geistlich erbauen und Lebenshilfe vermitteln.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Da kommen auch soziale Projekte und dieser Impetus her, besonders bedr\u00e4ngten und notleidenden Menschen zu helfen. Die Freunde und Freundinnen wollen die Menschen f\u00f6rdern und auch sich selbst aufbauen durch gegenseitigen Beistand und eine aktive Gottesbegegnung.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>1921 herrschten im Nachkriegsdeutschland traurige Zust\u00e4nde. In Wuppertal lag die Textilindustrie am Boden, man sah Arbeitslosigkeit und Massenelend auf den Stra\u00dfen. Die Bev\u00f6lkerung hungerte, Mangelkrankheiten bei den Kindern nahmen zu. Gerhard Dabringhausen schreibt in seinem Buch \u00fcber Heckinghausen, dass die gr\u00f6\u00dfte Not damals durch die Qu\u00e4kerspeisung gelindert wurde. Was wurde damals an die Bed\u00fcrftigen verteilt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wolfgang Heinrichs: &#8222;<\/b>Sie haben vor allem Suppen verteilt, aber auch mit Fleischeinlage. Die Deutschen haben meist auf Milch gesetzt. Bei den Schulspeisungen und den Abendspeisungen, vor allem der unterern\u00e4hrten Schulkinder, gab es von den Kommunen Milch und die Qu\u00e4ker haben das gut erg\u00e4nzt, indem sie Reis-, Grie\u00df-, Bohnen-, Erbsen-, Graupen- und Haferflockensuppen an Kinder und stillende M\u00fctter verabreichten. Zur Bohnensuppe gab es eine Fleischeinlage und die Graupensuppe wurde in der Regel mit einer Pflaumenbeilage gereicht. Jedes Kind bekam dazu ein s\u00fc\u00dfes Hefebr\u00f6tchen. Das hat gro\u00dfen Eindruck gemacht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bis 1925 wurden etwa 700 Millionen Portionen ausgegeben. Die Zahl der Kinder, die in Deutschland eine Speisung erhielten, wird auf bis zu f\u00fcnf Millionen gesch\u00e4tzt. Wo kamen die enormen Spenden her?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Heinrichs: <\/b>Die kamen zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Mitteln des amerikanischen Wohlfahrtsvereins der \u201eFreunde\u201c. Auch die \u201eFreunde\u201c aus den Niederlanden spendeten. Die niederl\u00e4ndischen Qu\u00e4ker standen auch in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft den Bed\u00fcrftigen bei. Ein prominentes Beispiel ist die Wuppertaler B\u00fchnen- und Kost\u00fcmbildnerin Hanna Jordan, selbst eine Qu\u00e4kerin, die aufgrund der j\u00fcdischen Abstammung ihrer Mutter ihre Schulzeit an der Qu\u00e4kerschule Eerde (1935-39) in den Niederlanden verbringen konnte.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch nach dem Zweiten Weltkrieg kamen gro\u00dfe Spenden aus den USA. Die Qu\u00e4ker arbeiteten mit anderen Religionsgemeinschaften, etwa mit den Methodisten, zusammen. Das ging, weil sie keine so enge konfessionelle F\u00fchrung hatten und dadurch andere Mitchristen animieren konnten, mitzuhelfen. F\u00fcr die Armenspeisung trugen die Kommunen, in Wuppertal \u00fcber die Vermittlung des Westdeutschen Verwaltungsausschusses, zwei Drittel der Kosten, die \u201eKinderhilfe der religi\u00f6sen Gesellschaft der Qu\u00e4ker\u201c \u00fcbernahm ein Drittel. Vor allem sorgten die Qu\u00e4ker daf\u00fcr, dass die f\u00fcr die Schulspeisung vorgesehenen ca. 450 Kalorien durch Eiwei\u00df, Fett, Mineralstoffe und Vitamine erg\u00e4nzt wurden. An den Schulspeisungen, die an allen Schulen durchgef\u00fchrt wurden \u2013 auch die Kinder des Mittelstandes, selbst Gymnasialkinder waren unterern\u00e4hrt \u2013, nahm auch ein Arzt teil und leistete begleitend Tuberkulosef\u00fcrsorge.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Qu\u00e4kergemeinschaft besteht aus ca. 300.000 Gl\u00e4ubigen weltweit und rund 300 in Deutschland. Sie leben ein Leben in Einfachheit. Was bedeutet das heute, einfach zu leben?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wolfgang Heinrichs: &#8222;<\/b>Das bedeutet, dass sie nicht das materielle, sondern das geistige Leben als das eigentliche sehen. Das bedeutet nicht, dass sie alle arm sind, aber sie k\u00f6nnen abgeben. Da sind sie ein gro\u00dfes Vorbild. Es geht ihnen darum \u2013 wie es in der Bibel auch hei\u00dft \u2013 Reichtum im Himmel zu verschaffen, indem man auch den Armen gibt. Und da setzen sie sich weltweit nach wie vor kolossal f\u00fcr ein. Die Qu\u00e4ker waren mit die Ersten, die gegen die Sklaverei antraten. Sie haben Sklaven in den USA \u00fcber die kanadische Grenze in die Freiheit gef\u00fchrt, sie haben sich immer um die verdient gemacht, die entrechtet waren. Die Qu\u00e4ker wurden auch in Deutschland verfolgt und haben aus dieser Verfolgungssituation immer daran gedacht, anderen zu helfen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und dann gibt es ja auch noch diesen Staat, den sollte man nicht unerw\u00e4hnt lassen: Pennsylvania. Der ist von dem Qu\u00e4ker William Penn gegr\u00fcndet und auch benannt worden. Die Hauptstadt Philadelphia hei\u00dft \u00fcbersetzt Bruderliebe, Geschwisterliebe, die die ganze Menschheit mit einbezieht. Und das ist kennzeichnend f\u00fcr die Gemeinschaft geblieben.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p class=\"align-right\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. 1921 herrschten im Nachkriegsdeutschland traurige Zust\u00e4nde. Gelindert wurde die gro\u00dfe Not damals durch die sogenannten Qu\u00e4kerspeisungen.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34598","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-22 16:00:16","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34598","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34598"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34598\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34602,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34598\/revisions\/34602"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34598"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34598"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34598"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}