{"id":34101,"date":"2021-03-10T15:38:08","date_gmt":"2021-03-10T14:38:08","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34101"},"modified":"2021-03-10T15:50:44","modified_gmt":"2021-03-10T14:50:44","slug":"34101","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/03\/10\/34101\/","title":{"rendered":"\u201eMenschenrechte m\u00fcssten auch das kirchliche Recht fundieren\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34104\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34104\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Transferstory_Prof._Michael_B\u00f6hnke-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Michael B\u00f6hnke &#8211; @ Bergische Universit\u00e4t<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Auch die Seminarteilnehmer von Prof. Michael B\u00f6hnke empfinden die offenen Gespr\u00e4che als befreiend, so die R\u00fcckmeldungen. In den Bergischen Transfergeschichten spricht der Wuppertaler Wissenschaftler \u00fcber Meinungsfreiheit in der Katholischen Kirche, Wertsch\u00e4tzung der Geschlechter und Sorgen angehender Lehrkr\u00e4fte.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28329\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">Michael B\u00f6hnke leitet mit der Fachgruppe Systematische Theologie eine der insgesamt vier Disziplingruppen in der Katholischen Theologie der Fakult\u00e4t f\u00fcr Geistes- und Kulturwissenschaften an der Bergischen Universit\u00e4t Wuppertal. Zu den Inhalten seines Lehrstuhls geh\u00f6ren die Religionsphilosophie, die Fundamentaltheologie, die Dogmatik, die theologische Ethik sowie die christlichen Sozialwissenschaften und manchmal auch das Kirchenrecht. \u201eSystematische Theologie ist, und das mag verwundern, eine praktische Wissenschaft\u201c, erkl\u00e4rt der geb\u00fcrtige Ratinger.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eUntersuchungsgegenstand von Fundamentaltheologie und Dogmatik ist die Praxis des christlichen Glaubens. Systematisch arbeitende Theolog*innen studieren und erforschen diese Praxis, die von der Kirche, was die Inhalte angeht, einerseits normiert ist, aber andererseits auch von dem Glaubensakt der Einzelnen gepr\u00e4gt wird.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Damit wolle er mit seinen Studierenden \u2013 einem Zitat von Ernst Lange, Nachfolger Dietrich Bonhoeffers, folgend \u2013 \u201edie Kommunikation des Evangeliums\u201c kritisch begleiten. \u201eWir wollen ihr zuverl\u00e4ssige Wege er\u00f6ffnen und wollen nat\u00fcrlich auf wissenschaftlicher Grundlage der christlichen Glaubenspraxis neue M\u00f6glichkeiten der Verst\u00e4ndigung \u00fcber sich selbst zuspielen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">2017 organisiert B\u00f6hnke mit anderen Akteuren ein internationales Fachgespr\u00e4ch zum Thema \u201eMenschenrechte in der Katholischen Kirche\u201c im Deutschen Historischen Institut in Rom, gef\u00f6rdert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDer universale Anspruch der Menschenrechte, \u00fcberall und uneingeschr\u00e4nkt gelten zu wollen\u201c, sagt er, \u201estellte dabei eine Herausforderung an die Ekklesiologie, an die Lehre der Kirche, die auch das Katholische Kirchenrecht betrifft, dar. Zwar setzt sich die Kirche und setzen sich innerkirchliche Gruppierungen wie etwa Misereor oder Adveniat oft mit Nachdruck f\u00fcr die Achtung und Durchsetzung der Menschenrechte zum Beispiel in Fl\u00fcchtlingsfragen ein\u201c, f\u00e4hrt er fort, \u201eaber das Kirchenrecht selbst tr\u00e4gt bis heute nur sehr eingeschr\u00e4nkt zur Anerkennung und Durchsetzung der Menschenrechte bei. Und hier sehe ich einen gro\u00dfen Nachholbedarf. Die Menschenrechte m\u00fcssten genauso wie das staatliche Recht, das kirchliche Recht fundieren\u201c, denn sie fungieren gleicherma\u00dfen als Grundlage f\u00fcr staatliches Recht und Kirchenrecht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Katholische Kirche hat ein Demokratiedefizit<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ein Widerspruch an sich scheint die Tatsache zu sein, dass die Katholische Kirche gerade in L\u00e4ndern Lateinamerikas sowohl Diktaturen unterst\u00fctzt als auch die Menschenrechte verteidigt. \u201eAus menschenrechtlicher Perspektive w\u00fcrde ich sagen, hat die Katholische Kirche sicher ein Demokratiedefizit. Das Thema Gewaltenteilung, das f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben der Menschen doch so wichtig ist, wird bislang theologisch kaum ad\u00e4quat wissenschaftlich bearbeitet. Das sehen wir auch an der Kirche hier in Deutschland.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Hier m\u00fcsse der theologische Diskurs den P\u00e4psten und dem kirchlichen Lehramt Wege aufzeigen, die aus diesen Ambivalenzen herausf\u00fchren, meint B\u00f6hnke.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Innerkirchliche Konflikte mit Rom gibt es zuhauf. Allein in der Presse- und Meinungsfreiheit liegen die Standpunkte weit auseinander. Bei den Studierenden f\u00e4llt B\u00f6hnke auf, dass die Freiheitsrechte nicht im Vordergrund stehen. \u201eGleichheitsrechte, wie Genderfragen und Fragen der Inklusion etc. bestimmen den \u00f6ffentlichen Diskurs und bestimmen das Bewusstsein unserer Student*innen. An das Thema Freiheit muss man die Mehrzahl der Studierenden erst heranf\u00fchren.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Daher wundere es ihn auch nicht, dass es der Populismus, vor allem durch Donald Trump gesch\u00fcrt, mit der Verunglimpfung der Presse so leicht hatte, und auch die Kirche tue sich schwer mit Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. \u201eManchmal habe ich den Eindruck, das betrifft jetzt staatliches wie auch kirchliches Handeln, dass in Bezug auf die Freiheitsrechte, das Rad der Geschichte mit Macht von den M\u00e4chtigen zur\u00fcckgedreht werden soll. Mir f\u00e4llt es gleichzeitig schwer, Kirche auch als Anw\u00e4ltin der Freiheitsrechte anzusehen, obwohl sie das von ihrer Grundbotschaft her sein will.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Gott habe sich n\u00e4mlich in Jesus Christus aus freiem Entschluss dazu bestimmt, nicht ohne die Menschen Gott sein zu wollen. Und damit habe er auf die Freiheit der Menschen gesetzt. \u201eVon daher m\u00fcsste die Kirche Anw\u00e4ltin der Freiheit sein. Und ohne Freiheit gibt es keinen Frieden\u201c, sagt B\u00f6hnke bestimmt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Wertsch\u00e4tzung der Geschlechter<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">In der Genderdebatte forderte unl\u00e4ngst der Essener Weihbischof Ludger Schepers eine in Sprechen und Handeln ablesbare Wertsch\u00e4tzung der Geschlechter: Die Kirche wolle auf allen Ebenen geschlechtersensibel handeln. \u201eOb die Kirche das will\u201c, gr\u00fcbelt B\u00f6hnke, \u201ewei\u00df ich nicht.\u201c Bei der r\u00f6mischen Menschenrechtsfachtagung sprachen Wissenschaftler*innen gar von einer katholischen Anti-Genderstrategie oder zogen die freie Wahl des Lebensstandes in Zweifel.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDie Frage der Eheschlie\u00dfung gleichgeschlechtlicher Paare muss dabei ebenso bedacht werden, wie die Frage des Zugangs zu kirchlichen Weihe\u00e4mtern. Bisher ist in der katholischen Kirche weder eine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, noch eine Weihe von Frauen oder Personen, die divers sind, zu Diakonen, Bisch\u00f6fen oder Priestern m\u00f6glich. Und ich glaube, hier fehlt es an einer Reflexion auf die Personenw\u00fcrde des Menschen, die unabh\u00e4ngig von Geschlecht, Rasse oder sexueller Orientierung hinzukommt.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dabei k\u00f6nne nach B\u00f6hnke etwa auf Immanuel Kants Metaphysik der Sitten zur\u00fcckgegriffen werden, denn die Personenw\u00fcrde komme den Menschen eben ungeachtet ihres Geschlechts etc. zu: Der Mensch sei als moralisches Wesen, dem ein unbedingter Wert zukommt, anzusehen und anzuerkennen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Blick auf die Person sei wichtig, und das gelte auch f\u00fcr Jesus Christus, den die Kirche als Person verehre, durch die und in der Gott Mensch geworden sei, argumentiert der Theologe und schlussfolgert: \u201eIn Bezug auf die Amtsfrage, h\u00e4tte die Kirche zu diskutieren, ob nicht unter dem Aspekt des Personseins und der Personenw\u00fcrde, Frauen die Person Jesu Christi ebenso in ihrem Handeln darstellen k\u00f6nnen wie die M\u00e4nner.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Verliert die Kirche den Kontakt zu den Gl\u00e4ubigen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Ganz aktuell liest man in den Medien Titel wie \u201eK\u00f6ln stockt Termine f\u00fcr Kirchenaustritte auf\u201c und namhafte Historiker*innen sehen die Katholische Kirche in absehbarer Zeit gar in ihrer Existenz bedroht. Da kommt schnell die Frage auf, ob die Kirche den Kontakt zu ihren Gl\u00e4ubigen verlieren k\u00f6nnte. Dazu B\u00f6hnke: \u201eDie K\u00f6lner Kirchenleitung erweckt manchmal den Eindruck, als habe sie den Kontakt bereits verloren. Kirchenaustritte sind das eine Thema. Wir sind ja an einer Universit\u00e4t, in der sich \u00fcber 400 Studierende darauf vorbereiten, als Lehrer*innen in \u00f6ffentlichen Schulen auch das Fach Katholische Religionslehre zu unterrichten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Und viele Student*innen fragen zurzeit: Habe ich das falsche Fach gew\u00e4hlt?\u201c Es gehe nicht nur um einen Verlust an Kirchenmitgliedern, sondern es gehe ein St\u00fcck weit um die Zukunft der Kirche, und das sei auch schon vor den Missbrauchsvorw\u00fcrfen zu beobachten gewesen. \u201eDie Amtskirche erreicht immer weniger Menschen\u201c, betont der Forscher, \u201ees waren zun\u00e4chst die am Rand Stehenden, die man nicht mehr erreicht hat und dann hat man auch schon unter Papst Benedikt XVI. die eigene Kerngemeinde nicht mehr erreicht. Es gab so etwas wie die Rede von einem vertikalen Schisma, zwischen oben und unten, und das hat sich ein St\u00fcck weit noch verst\u00e4rkt, weil die K\u00f6lner Bistumsleitung sich auch schon von einem Teil ihrer Pfarrer und Priester verabschiedet hat. Da geht es nicht nur um Mitgliederzahlen. Da geht es darum, dass durch die Kirche ein Riss geht, der unabsehbare Folgen haben k\u00f6nnte.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Hans Maier haben die Menschenrechte im 20. und 21. Jahrhundert die Kirche zwar erreicht, aber er bezweifelt auch, ob sie wirklich in ihr Inneres vorgedrungen seien. \u201eHans Maier hat sich schon in den 60er Jahren mit der Frage der Menschenrechte in der Kirche befasst. Er \u00fcberblickt also die Entwicklung sowohl als Wissenschaftler als auch als verantwortlicher Politiker. Ich sch\u00e4tze sein Urteil und seine sehr klare Sprache und ich glaube, dass er einfach recht hat mit dem, was er da gesagt hat\u201c, so B\u00f6hnke.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die Kommunikation des Evangeliums und um sich ein eigenes Urteil in aktuellen Kirchendebatten bilden zu k\u00f6nnen, sei es unerl\u00e4sslich, die Entwicklung der Menschenrechte und die aktuelle Menschenrechtspraxis der Kirche zu kennen, kritisch zu erforschen und zu diskutieren: Der Austausch dar\u00fcber mit seinen Studierenden ist dem katholischen Theologen Prof. Dr. Michael B\u00f6hnke daher besonders wichtig.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34101","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-31 15:37:18","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34101"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34101\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34109,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34101\/revisions\/34109"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}