{"id":34031,"date":"2021-03-05T14:25:15","date_gmt":"2021-03-05T13:25:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=34031"},"modified":"2021-03-05T14:25:15","modified_gmt":"2021-03-05T13:25:15","slug":"jahr100wissen-operation-nemesis-die-verfolgung-der-armenier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/03\/05\/jahr100wissen-operation-nemesis-die-verfolgung-der-armenier\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Operation Nemesis &#8211; die Verfolgung der Armenier"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_34033\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-34033\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Jahr100Wissen_Mangold-Will-1024x683.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"683\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Sabine Mangold-Will &#8211; \u00a9 Foto privat<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Bezeichnet wird damit die Verfolgung und Ermordung der Armenier w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich und ordnet die politische Auseinandersetzung damit ein.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28318\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Am 15. M\u00e4rz 1921 erschoss Soghomon Tehlirian im Auftrag eines armenischen Geheimkommandos in der Hardenbergstra\u00dfe in Berlin-Charlottenburg den vormaligen osmanischen Innenminister Tal\u00e2t Pascha. Was war der Grund daf\u00fcr?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;F\u00fcr Tehlirian und die armenische Geheimorganisation, der er angeh\u00f6rte, war der Grund offensichtlich: Mehmet Tal\u00e2t Pascha galt bereits den Zeitgenossen als Hauptverantwortlicher der Verfolgung und Ermordung der christlichen Minderheiten, insbesondere der Armenier und Griechen, im Osmanischen Reich w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges. Tal\u00e2t bildete mit Kriegsminister Enver und Marineminister Cemal seit 1913 das Machtzentrum des Osmanischen Reiches. Er war einer der f\u00fchrenden politischen K\u00f6pfe des bis 1908 oppositionellen, nationalistischen \u201eKomitees f\u00fcr Einheit und Fortschritt\u201c, das die vollst\u00e4ndige T\u00fcrkifizierung des Osmanischen Reiches anstrebte. Als Innenminister war Tal\u00e2t ma\u00dfgeblich f\u00fcr die konkrete Umsetzung einer Bev\u00f6lkerungs- und Verfolgungspolitik verantwortlich, die auf die radikale Dezimierung nichtt\u00fcrkischer Bev\u00f6lkerungsgruppen im Osmanischen Reich abzielte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der Mord an dem osmanischen Innenminister war eine Tat, die unter dem Decknamen \u201eOperation Nemesis\u201c lief. Was steckte dahinter? <\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will: \u201eNemesis\u201c wollte \u2013 darauf weist bereits der Name hin \u2013 Rache: Rache f\u00fcr ein Verbrechen, das wir heute mit dem Begriff des V\u00f6lkermordes ad\u00e4quat erfassen. Tal\u00e2t war bereits 1919 in den unter alliierter Besatzung stattfindenden Istanbuler Prozessen von einem osmanischen Gericht zum Tode verurteilt worden \u2013 allerdings in Absentia, so dass das Urteil nicht vollstreckt werden konnte. Die \u201eOperation Nemesis\u201c wurde von den Daschnaken, einer 1890 gegr\u00fcndeten, armenisch-nationalistischen und sozialistischen Partei organisiert, die in der englischsprachigen Fachliteratur in der Regel als \u201eArmenian Revolutionary Federation\u201c bezeichnet wird. Die Daschnaken unterhielten bereits w\u00e4hrend des Weltkriegs paramilit\u00e4rische Einheiten, um einen bewaffneten Widerstand der osmanischen Armenier zu etablieren.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Verfolgung und Ermordung von sch\u00e4tzungsweise 300.000 bis 1,4 Millionen Armeniern war der erste V\u00f6lkermord des 20. Jahrhunderts. In seinem Buch \u201eOperation Nemesis\u201c nimmt sich der Kulturwissenschaftler und Leiter des Potsdamer Lepsius-Hauses Rolf Hosfeld dieses Themas an. Er konstatiert, dass die systematische Vernichtung der Armenier nach 1915 nur im Schatten des Krieges m\u00f6glich war und de facto unter dem Schutz des B\u00fcndnisses mit dem Deutschen Reich stattfand. Warum sah das Deutsche Reich tatenlos zu?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will:\u00a0&#8222;Die Antwort steckt in Ihrer Frage: Deutschland war mit dem Osmanischen Reich seit 1914 verb\u00fcndet und betrachtete die Stabilit\u00e4t der Orientfront als kriegsentscheidend. Die deutsche Argumentation setzte sich dabei aus wenigstens zwei Elementen zusammen: Die deutschen Diplomaten betrachteten den Umgang mit den christlichen Minderheiten als innenpolitische Angelegenheit des Osmanischen Reiches. Die deutschen Milit\u00e4rs im Osmanischen Reich akzeptierten zudem die Erkl\u00e4rung der osmanischen Regierung, die Armenier stellten eine (milit\u00e4rische) Bedrohung f\u00fcr die innere wie \u00e4u\u00dfere Stabilit\u00e4t des Osmanischen Reiches dar. Von Reichskanzler Bethmann Hollweg ist der Satz \u00fcberliefert: \u201eUnser einziges Ziel ist, die T\u00fcrkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichg\u00fcltig, ob dar\u00fcber Armenier zu Grunde gehen oder nicht. Bei l\u00e4nger andauerndem Kriege werden wir die T\u00fcrken noch sehr brauchen.\u201c Damit ist die Motivlage des Deutschen Reiches erkl\u00e4rt. Im \u00dcbrigen gab es sehr wohl Stimmen aus der deutschen Diplomatie und von Milit\u00e4rs vor Ort sowie Privatpersonen, wie der evangelische Theologe Johannes Lepsius, die hinter den Kulissen oder \u00f6ffentlich auf die Verbrechen der Jungt\u00fcrken hinwiesen und Einhalt forderten.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Tal\u00e2t Pascha floh bereits Ende 1918 in einer n\u00e4chtlichen Aktion aus dem Osmanischen Reich und gelangte mit deutscher Hilfe nach Berlin, wo er weitgehend unbehelligt in der Hardenbergstra\u00dfe leben konnte. Warum halfen ihm die Deutschen?<\/b><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will: &#8222;Das Osmanische Reich war vier Jahre lang der Verb\u00fcndete des Deutschen Reiches. Die ehemaligen Partner sahen es als ihre Pflicht an, die osmanische F\u00fchrungsriege vor dem Zugriff der Alliierten zu sch\u00fctzen. Eine Aburteilung der Osmanen unter \u201eSiegerjustiz\u201c erschien ihnen als Menetekel f\u00fcr die eigene Zukunft. Die neue politische Elite der jungen Weimarer Republik war zudem keineswegs gl\u00fccklich \u00fcber die Anwesenheit Tal\u00e2ts und anderer jungt\u00fcrkischer Fl\u00fcchtlinge; aber sie stellte das Asyl nie offiziell in Frage. Das hing auch damit zusammen, dass die Mehrheit der Weimarer Gesellschaft eine juristische Verurteilung der Verb\u00fcndeten wie der eigenen Verantwortlichen der Jahre vor 1918 ablehnte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Im Prozess vor dem Berliner Landgericht III sprachen die Geschworenen den Beschuldigten Tehlirian frei. Warum?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will: Einer der Prozessbeobachter, der Wuppertaler Schriftsteller und Pazifist Armin T. Wegner, der den Krieg als Sanit\u00e4tsoffizier im Osmanischen Reich verbracht hatte, bezeichnete den Prozess gegen Tehlirian ein \u201eTribunal der Menschheit\u201c, ein \u201eUrteil von weltgeschichtlicher Bedeutung\u201c. Denn obwohl der Staatsanwalt es ablehnte, die Verantwortung Talats vor Gericht zu behandeln, lie\u00dfen sich die Geschworenen durchaus von den Vorw\u00fcrfen gegen ihn beeindrucken. Juristisch allerdings beruhte der Freispruch auf der Feststellung der verminderten Schuldf\u00e4higkeit des T\u00e4ters. Die Geschworenen glaubten dem M\u00f6rder, er sei ein direktes Opfer der Verfolgung gewesen und habe die Ermordung seiner Familie miterlebt. Dabei gab es bereits zeitgen\u00f6ssisch Hinweise, dass es sich bei Tehlirian um einen politisch motivierten Attent\u00e4ter handelte.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Der V\u00f6lkermord an den Armeniern ist bis heute ein umstrittenes Thema. In einer Resolution, die 2016 von Union, SPD und Gr\u00fcnen in den Bundestag eingebracht worden war,\u00a0hei\u00dft es: \u201eDer Bundestag bedauert die unr\u00fchmliche Rolle des Deutschen Reiches, das als\u00a0milit\u00e4rischer Hauptverb\u00fcndeter des Osmanischen Reichs trotz eindeutiger Informationen\u00a0auch von Seiten deutscher Diplomaten und Missionare \u00fcber die organisierte\u00a0Vertreibung und Vernichtung der Armenier nicht versucht hat, diese Verbrechen\u00a0gegen die Menschlichkeit zu stoppen.\u201c Das Gedenken des Bundestags sei darum auch ein Ausdruck des besonderen Respekts.\u00a0Die T\u00fcrkische Republik, die sich selbst unter der Regierung Erdogan weiterhin als Teil Europas begreifen will, hat sich hingegen nie bei den Armeniern f\u00fcr die Gr\u00e4ueltaten entschuldigt. Warum stellen sich Regierungen gar nicht oder erst sehr sp\u00e4t ihren Verantwortungen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sabine Mangold-Will:\u00a02Die verz\u00f6gerte politische Auseinandersetzung mit dem Genozid an den Armeniern in Deutschland ist leicht zu erkl\u00e4ren: Die Verfolgung der Christen im Osmanischen Reich w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges stand in der Bundesrepublik Deutschland nachvollziehbarerweise hinter der viel dr\u00e4ngenderen Aufarbeitung der Shoah zur\u00fcck. Die T\u00fcrkische Republik dagegen verweigert die Anerkennung der Gr\u00e4ueltaten als Genozid bis heute explizit, weil sie sich nie grunds\u00e4tzlich von der T\u00fcrkifizierungspolitik der Jungt\u00fcrken des Ersten Weltkrieges distanziert hat. Zudem f\u00fcrchtet sie armenische Reparationsforderungen. Das Europa-Parlament hat indes bereits 1987 vom V\u00f6lkermord an den Armeniern gesprochen. Der deutschen Parlamentsresolution vergleichbare Stellungnahmen gibt es mittlerweile zudem in vielen, vorwiegend europ\u00e4ischen Staaten, so in Frankreich, den Niederlanden, Belgien und der Schweiz.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. Am 15. M\u00e4rz 1921 fand das Attentat auf den fr\u00fcheren osmanischen Innenminister, Tal\u00e2t Pascha, in Berlin statt. Im \u201eJahr100Wissen\u201c-Interview spricht die Akademische Oberr\u00e4tin Dr. Sabine Mangold-Will \u00fcber die \u201eOperation Nemesis\u201c.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-34031","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-07 13:04:45","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34031","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=34031"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34031\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":34034,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/34031\/revisions\/34034"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=34031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=34031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=34031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}