{"id":33370,"date":"2021-02-01T10:10:32","date_gmt":"2021-02-01T09:10:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=33370"},"modified":"2021-02-08T07:33:40","modified_gmt":"2021-02-08T06:33:40","slug":"mein-bewegendes-treffen-mit-einem-obdachlosen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/02\/01\/mein-bewegendes-treffen-mit-einem-obdachlosen\/","title":{"rendered":"Mein bewegendes Treffen mit einem Obdachlosen"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_33373\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33373\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21-01-31_AJ_28-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Lebt auf der Platte und freut isch \u00fcber jede Zuwendung: Der Obdachlose AJ &#8211; Taro Kataoka<\/span><\/div>\n<p>Er heisst Thomas, wird aber AJ genannt. Der 48j\u00e4hrige hat eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. In Spanien geboren, kam er im Alter von einem Jahr nach Deutschland.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Schon fr\u00fch verlor er beide Elternteile, wurde zum Heimkind. \u00dcber drei\u00dfig Jahre seines Lebens hat der gelernte B\u00e4cker bislang im Gef\u00e4ngnis gesessen. Sein Strafregister reicht von Einbruch \u00fcber Drogen- und Bandenkriminalit\u00e4t bis hin zu Totschlag.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Er sei fanatischer Odin-Anh\u00e4nger gewesen, habe kaum eine Demo ausgelassen und war gerne bei der \u201edritten Halbzeit\u201c mit dabei &#8211; bei handfesten Pr\u00fcgeleien unter Fu\u00dfballhooligans.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Vor zehn Monaten sei er aus der Haft entlassen worden. Seither h\u00e4lt sich der aus Heiligenhaus stammende AJ als Obdachloser in Wuppertal-Elberfeld auf &#8211;<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0 <\/span>er lebt, wie es im Jargon hei\u00dft, auf der Platte.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Nachts schlafe er unter einer Wupperbr\u00fccke in einem Schlafsack, der ihn bis zu einer Temperatur von -30\u00b0 Grad Celsius vor Erfrierung sch\u00fctze. Diesen habe er geschenkt bekommen, wof\u00fcr er \u00e4u\u00dferst dankbar sei.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Tags\u00fcber sitzt AJ in der Elberfelder Fu\u00dfg\u00e4ngerzone und hofft auf den einen oder anderen Euro. Das Betteln f\u00e4llt ihm nicht leicht. AJ: \u201eSchnorren ist nicht meins. Auch p\u00f6beln nicht. Ich bin inzwischen ein ruhiger Mensch geworden. Selbst dumme Spr\u00fcche wie &#8218;geh doch arbeiten&#8216; \u00fcberh\u00f6re ich.\u201c AJ ist allem Anschein nach gen\u00fcgsam und friedfertig geworden.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Damals, als er noch Drogendealer war, habe er in Saus und Braus gelebt. Doch heute habe er nur noch zwei Laster: Kaffee und Zigaretten.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich habe ihn auf einen &#8222;Coffee to go&#8220; eingeladen und mit ihm die eine und andere Zigarette geraucht. Vom Alkohol lasse er die Finger und Drogen habe er noch nie genommen, erkl\u00e4rt er glaubhaft. Das mache ihn nicht so abh\u00e4ngig von den Almosen, weil er nicht fast zwanghaft Geld f\u00fcr den n\u00e4chsten &#8222;Schu\u00df&#8220; ben\u00f6tige, wie die meisten Drogens\u00fcchtige.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_33374\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33374\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21-01-31_AJ_13-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die beiden syrischen Wohlt\u00e4ter versorgen AJ mit einer warmen Mahlzeit &#8211; \u00a9 Taro Kataoka<\/span><\/div>\n<p>Jeden Tag bekomme er eine warme Mahlzeit, mal von den umliegenden Kirchen, mal von einer Pizzeria. Und einmal in der Woche k\u00f6nne er sogar in einer Kirche duschen. Das sei ihm besonders wichtig. \u201eEin bisschen K\u00f6rperpflege muss einfach sein\u201c, sagt er. Und in der Tat sieht AJ gepflegt aus.<\/p>\n<p>Ich will von ihm wissen, ob er denn genug Kleingeld zusammenbekomme, um sich zu verpflegen? \u201eJa\u201c, antwortet er, \u201eunter der Woche ist das weniger ein Problem. Da kommen mit etwas Gl\u00fcck durchaus 30 Euro am Tag zusammen. Aber sonntags ist schlimm. Da hat kein Gesch\u00e4ft auf, niemand geht zur Arbeit.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und weil im Lockdown nur wenige Menschen sonntags den Weg in die Stadt finden, komme auch nur sehr, sehr wenig zusammen. Manchmal seien es nur drei Euro, mit denen er dann auskommen m\u00fcsse.&#8220;<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich, wie aus dem Nichts, bleiben zwei M\u00e4nner auf Lastenfahrr\u00e4dern bei uns stehen. Sie fragen AJ, wie es ihm gehe und bocken dabei ihre &#8222;Fienchen&#8220; auf. Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was jetzt passiert.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Doch dann geht mir das Herz auf. Die beiden Radfahrer sind ausl\u00e4ndische Mitb\u00fcrger. Sie sprechen gebrochenes, aber gut verst\u00e4ndliches Deutsch. Sie \u00f6ffnen die W\u00e4rme-Boxen an ihren Lastenr\u00e4dern. Zum Vorschein kommen Chafing Dishs (Warmhaltebeh\u00e4lter) in denen sich Nudeln, Kartoffeln und Sauce befinden.<\/p>\n<p>Sie fragen AJ, ob er Hunger habe und als dieser dies bejaht, f\u00fcllen sie mit einer Kelle reichlich Nudeln, Kartoffeln und Sauce in eine mitgebrachte Plastikschale. Dazu gibt es Brot.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>AJ f\u00e4ngt an zu essen und scheint \u00fcbergl\u00fccklich zu sein. W\u00e4hrend er es sich noch schmecken l\u00e4sst, reichen ihm die beiden M\u00e4nner Papiertaschent\u00fccher, Bonbons, Schokolade und Kaffee.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Es stellt sich heraus, dass die beiden Spender Syrer sind. \u201eWir haben den Krieg erlebt. Deutschland hat uns geholfen. Jetzt helfen wir hier armen Menschen\u201c, sagt der eine. Ich bin ger\u00fchrt.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner kommen vom Charity-Verein &#8222;Wuppertaler Wei\u00dfe Herzen e.V.&#8220;. Eine \u00e4ltere Passantin sieht, wie die beiden AJ versorgen und spendet spontan f\u00fcr den Verein, weil sie es gut finde, dass Obdachlosen geholfen werde.<\/p>\n<p>Nachdem die beiden Wohlt\u00e4ter weitergefahren sind, sagt AJ: \u201eIch bin als Assi geboren und werde als Assi sterben.\u201c Ich versuche ihm klarzumachen, dass es Hoffnung f\u00fcr jeden Menschen gibt. Doch daran glaube er nicht. Ihn hole seine Vergangenheit immer wieder ein.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>So wache er oft nachts schwei\u00dfgebadet auf. Vor allem der Totschlag, den er begangen habe, lasse ihm keine Ruhe. Daran \u00e4ndere auch die abgesessene Haftstrafe nichts.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Und so frage ich ihn, ob er heute an irgendetwas glaube. Er sch\u00fcttelt den Kopf: \u201eNein. Ich glaube an gar nichts. Schon gar nicht an einen Gott da oben.\u201c<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<div id=\"attachment_33375\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33375\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21-01-31_AJ_20-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dieser Wuppertaler sucht regelm\u00e4ssig den Kontakt zu AJ &#8211; \u00a9 Taro Kataoka<\/span><\/div>\n<p>Ich lasse nicht locker, frage ihn, ob er denn nicht in der Kirche, in der er versorgt werde, einen Ansprechpartner habe, bei dem er sich in einem Vieraugengespr\u00e4ch all das Belastende von der Seele reden k\u00f6nne?<\/p>\n<p>Das habe er noch nicht in Erw\u00e4gung gezogen, sagt AJ. Und er habe auch wenig Interesse daran, dass ihm jemand &#8218;ein Schnitzel an die Backe erz\u00e4hle&#8216;. Er sei ja auch gar nicht getauft.<span class=\"Apple-converted-space\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>Ich sp\u00fcre eine gewisse Skepsis und Abneigung, wenn es um die Themen Kirche, Glaube und Gott geht. Aber irgendwie gibt er mir das Gef\u00fchl, dass er sich irgendwann doch mit seinen moralischen N\u00f6ten an einen Seelsorger wendet.<\/p>\n<p>Ein junger Mann bleibt stehen und begr\u00fc\u00df AJ freundlich, fast kameradschaftlich. Sie unterhalten sich \u00fcber dies und das und der Passant fragt AJ auch nach seinem Befinden. Hinterher erz\u00e4hlt mir der Obdachlose, dass dieser junge Wuppertaler ihn schon oft besucht habe und ihn mal zu einem Kaffee und mal zu einer Pizza eingelade.<\/p>\n<p>Ich bin positiv \u00fcberrascht, dass es doch noch den einen oder anderen Menschen in der Stadt gibt, dem Obdachlose nicht egal oder sogar l\u00e4stig sind. Menschen, die ein offenes Ohr f\u00fcr ihre N\u00f6te haben, sich mit ihnen unterhalten und sich um sie k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>F\u00fcr heute verabschiede ich mich von AJ. Aber ich werde ihn ganz sicher wieder auf der Platte besuchen.<\/p>\n<p><strong>Text: Taro Kataoka<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/weisseherzen.wixsite.com\/wuppertal\">https:\/\/weisseherzen.wixsite.com\/wuppertal<\/a><\/p>\n<div id=\"attachment_33377\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33377\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/21-01-31_AJ_26-2-1024x725.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"725\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Die Betteldose, in der sonntags nur wenig Geld landet&#8230; \u00a9 Taro Kataoka<\/span><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Schicksal hat vielen von ihnen ohnehin schon \u00fcbel mitgespielt. Jetzt im unfreundlichen Winter machen Obdachlose besonders harte Zeiten durch. Erst recht w\u00e4hrend des Corona-Lockdowns. Kaum Leute auf der Stra\u00dfe, noch weniger Kleingeld im Hut oder in der Bettel-Dose. Taro Kataoka, Dipl.-Fotodesigner und Vorstandmitglied des Vereins &#8222;Kinder-Tafel-Vohwinkel e.V.&#8220;, hatte jetzt einen au\u00dfergew\u00f6hnlichen &#8222;Kaffeeklatsch&#8220; mit dem Obdachlosen AJ. Eine Begegnung, die ihn sehr ber\u00fchrt hat.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24],"tags":[],"class_list":["post-33370","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wuppertal"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-06 05:41:16","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33370","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33370"}],"version-history":[{"count":11,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33370\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33382,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33370\/revisions\/33382"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33370"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33370"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33370"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}