{"id":33310,"date":"2021-01-30T11:00:10","date_gmt":"2021-01-30T10:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=33310"},"modified":"2021-02-01T15:15:06","modified_gmt":"2021-02-01T14:15:06","slug":"bergische-transfergeschichten-mehrsprachigkeit-in-der-schule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/01\/30\/bergische-transfergeschichten-mehrsprachigkeit-in-der-schule\/","title":{"rendered":"&#8222;Transfergeschichten\u201c: Mehrsprachigkeit in der Schule"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_33314\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33314\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Foto_Prof._Sara_H\u00e4gi-Mead-1024x681.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Sara H\u00e4gi-Mead &#8211; \u00a9 Foto Friederike von Heyden<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Dr. Sara H\u00e4gi-Mead, Professorin am Institut f\u00fcr Bildungsforschung in der School of Education der Bergischen Universit\u00e4t, forscht und lehrt zur Mehrsprachigkeit in der Schule. In den Bergischen Transfergeschichten spricht die Wissenschaftlerin \u00fcber die Bedeutung von Mehrsprachigkeit, \u00fcber Umsetzungsh\u00fcrden im Schulalltag und wie wichtig es ist, Studierende f\u00fcr die Vielschichtigkeit dieses Themas zu sensibilisieren.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28267\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\">\u201eMan wei\u00df aus wissenschaftlicher Perspektive, es geht nicht nur um Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Deutsch als Zweitsprache, sondern es geht um sogenannte bildungssprachliche Kompetenzen, die alle Sch\u00fcler*innen brauchen\u201c, erkl\u00e4rt Prof. H\u00e4gi-Mead. Es gebe starke Unterschiede in dem, was Kinder von zu Hause mitbr\u00e4chten, und die Schule setze manchmal Kenntnisse voraus, die viele Sch\u00fcler*innen nicht h\u00e4tten und dadurch diskriminiert w\u00fcrden.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eMeine Aufgabe ist es, dieser Diskriminierung zu begegnen und (angehende) Lehrer*innen entsprechend zu professionalisieren!\u201c Das von ihr angebotene Modul umfasst dabei die Veranstaltungen \u201eDeutsch als Zweitsprache, Mehrsprachigkeit und Interkulturalit\u00e4t in der Schule\u201c sowie \u201eLinguistische und didaktische Vertiefungen des Deutschen als Zweitsprache\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Das Variantenw\u00f6rterbuch<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Sprache hat in Sara H\u00e4gi-Meads Leben schon immer eine wichtige Roll gespielt. Sie studierte zun\u00e4chst Deutsch und Russisch an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln, wobei sie ehrlich zugibt: \u201eRussisch als Fremdsprache, war f\u00fcr mich schon sehr schwer zu lernen.\u201c Doch sie zieht es durch und verbringt sogar ein Jahr in St. Petersburg.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Nach mehreren T\u00e4tigkeiten als Dozentin an verschiedenen bundesdeutschen Hochschulen kann sie 2012 in Wien als wissenschaftliche Mitarbeiterin an einem ganz besonderen, trinationalen Forschungsprojekt teilnehmen, dass es so noch nicht gegeben hat: das Variantenw\u00f6rterbuch des Deutschen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEs gibt nationale Variet\u00e4ten einer Sprache wie British English, American English oder Australian English\u201c, erkl\u00e4rt sie, \u201eund genau so gibt es standardsprachliche Variet\u00e4ten des Deutschen: \u00d6sterreichisches Standarddeutsch, Schweizerisches Standarddeutsch und Deutschl\u00e4ndisches Standarddeutsch. Deutsch ist eine plurizentrische Sprache, mit mehreren Zentren. Aber gemeinhin, auch im Duden, wird das, was spezifisch ist f\u00fcr Deutschland, als Gemeindeutsch deklariert.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die geb\u00fcrtige Schweizerin erkl\u00e4rt es beispielhaft so: \u201eIm Duden hat man zum Beispiel so etwas wie Velo, schweizerisch f\u00fcr \u201aFahrrad\u2018, oder Marille, \u00f6sterreichisch f\u00fcr \u201aAprikose\u2018. Aber, was nicht drinsteht, ist zum Beispiel beim Eintrag Azubi, dass es sich um einen spezifisch in Deutschland verwendeten Ausdruck f\u00fcr \u201aAuszubildender\u2018 handelt.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">F\u00fcr \u00d6sterreich und die Schweiz gebe es seit langem kleinere Dudenb\u00e4ndchen mit dem Titel \u201eWie sagt man in \u00d6sterreich?\u201c bzw. \u201eWie sagt man in der Schweiz?\u201c \u2013 ein Pendant f\u00fcr Deutschland hingegen, gebe es nicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das Variantenw\u00f6rterbuch sei das erste seiner Art, es f\u00fchre ausschlie\u00dflich standardsprachliche Varianten aller nationalen Zentren des Deutschen auf, also neben Helvetismen und Austriazismen, auch deutschl\u00e4ndische Varianten, so genannte Teutonismen oder Deutschlandismen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Damit soll einem Laienverst\u00e4ndnis begegnet werden, das alles, was nicht zum Standarddeutsch Deutschlands geh\u00f6rt, mit Dialekten gleichsetzt. Das Standarddeutsch Deutschlands ist vielmehr eine von mehreren Standardvariet\u00e4ten, wenn auch aufgrund der politischen und wirtschaftlichen St\u00e4rke des Zentrums, zweifellos global gesehen die dominante. \u201eIch war dann f\u00fcr die Austriazismen verantwortlich. Die konnte ich als Schweizerin, die lange Jahre in Deutschland gelebt hat, gut erkennen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sprache bedient politische Interessen<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eMein Interesse an der Sprachenpolitik ist, dass ich jeweils aufzeigen oder bewusstmachen m\u00f6chte, welche Interessen dahinter stehen\u201c, f\u00fchrt sie aus, denn das wolle man nicht immer h\u00f6ren. Wenn man an Deutsch als Fremdsprache denke, sich die Goethe-Institute weltweit ansehe und wisse, wieviel Geld f\u00fcr die ausw\u00e4rtige Deutschf\u00f6rderung ausgegeben werde, dann unterliege dieses Engagement immer auch wirtschaftlichen Interessen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eDas ist nicht immer so offensichtlich, aber das m\u00fcssen Lehrkr\u00e4fte wissen und mitber\u00fccksichtigen, denn sie sind Teil dieses Systems und pr\u00e4gen es mehr mit, als ihnen zum Teil bewusst und lieb ist. Es ist auch kein Zufall, welche Sprachen als Fremdsprachen an Schulen weltweit gelehrt und gelernt werden und welche nicht. Das sind sprachenpolitische Entwicklungen und Entscheidungen. Die sind wichtig, mitgedacht und unter Umst\u00e4nden auch neu \u00fcberdacht zu werden.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dann m\u00fcsse man auch \u00fcber Personen nachdenken, die auch andere Erstsprachen als Deutsch mitbr\u00e4chten, die aber nicht unbedingt in der Schule erw\u00fcnscht seien. In F\u00e4llen eines Deutschgebots f\u00fcr den Unterricht etwa, werte man die anderen Erstsprachen komplett ab. Und das mache nat\u00fcrlich auch etwas mit den Identit\u00e4ten der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fclern.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Rangordnung der Sprachen an bundesdeutschen Schulen<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Umsetzung von Mehrsprachigkeit an bundesdeutschen Schulen unterliegt einer gewissen Rangfolge. \u201eMan hat ein Fach f\u00fcr Englisch, Spanisch, usw., es wird so sprachenspezifisch gedacht, was in einem mehrsprachigen Kopf ja so gar nicht abl\u00e4uft\u201c, sagt die Forscherin.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEs wird in Sprachen unterschiedlich unterteilt. Es gibt Sprachen an Schulen, die haben mehr Wert als andere. Wenn eine Fremdsprache an Schulen unterrichtet wird, wenn es daf\u00fcr Noten gibt, wenn alle an diesem Unterricht teilnehmen k\u00f6nnen, dann hat das ein hohes Prestige. Daneben gibt es andere Sprachen, die werden zum Teil auch im sogenannten herkunftssprachlichen Unterricht unterrichtet. Den k\u00f6nnen aber nicht alle Sch\u00fcler*innen besuchen. Der ist nicht f\u00fcr die Mehrheitsgesellschaft konzipiert und das bedeutet per se, dass dieser Unterricht weniger Prestige hat.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">An dieser Stelle hapert es noch erheblich in der Umsetzung, wobei H\u00e4gi-Mead daf\u00fcr auch noch keine zufriedenstellende L\u00f6sung wei\u00df. Viele Unw\u00e4gbarkeiten der Mehrsprachigkeit l\u00e4gen auch an einer Unsichtbarkeit, denn Lehrpersonen w\u00fcssten oft nicht, welche Sprachen ihre Sch\u00fcler*innen vielleicht auch sprechen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">\u201eEs geht nicht nur darum, die deutsche Sprache zu f\u00f6rdern\u201c, sagt die Bildungsforscherin, \u201esondern auch darum, durch Mehrsprachigkeit sowohl eine pers\u00f6nliche, als auch gesellschaftliche Entwicklung zu erm\u00f6glichen.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mehrsprachigkeit und die oft schwierige Umsetzung<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\">H\u00e4gi-Mead sieht in der Mehrsprachigkeit eine wichtige Ressource, die sowohl in der Lehre, als auch in der Forschung auf einen sozial gerechten und konstruktiven Umgang mit migrationsbedingter, sprachlicher Heterogenit\u00e4t in Kindergarten und allgemeinbildenden sowie beruflichen Schulen zielt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dieser sozial gerechte und konstruktive Umgang beginne mit der Reflexion \u00fcber die eigene Positionierung. Man m\u00fcsse sich der Involviertheit in Machtverh\u00e4ltnisse bewusst sein und nicht notwendige Bezeichnungen meiden. So sei der Begriff Migrationshintergrund als ein defizitorientiertes Bild zu werten, formuliert die Schweizerin und sagt: \u201eIch werde nie als Person mit Migrationshintergrund bezeichnet, obwohl ich nach Definition des statistischen Bundesamtes Migrationshintergrund habe.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Ausdruck beschreibe eigentlich immer nur Defizite, sage nichts \u00fcber Kompetenzen aus, werde aber mit ihnen gleichgesetzt. \u201eUnd da f\u00e4ngt es schon an mit der sozialgerechteren Umsetzung. Das ist schon Alltagsrassismus.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">H\u00e4gi-Mead arbeitet mit ihrem Team an Konzepten f\u00fcr ein sprachbewusstes Unterrichten in allen F\u00e4chern. Dazu kooperiert sie auch mit Fachlehrkr\u00e4ften. \u00dcber Mehrsprachigkeitsbiografien von Studierenden, die diese aufschreiben und ihr zur Verf\u00fcgung stellen, verschafft sie sich zudem ein Bild \u00fcber das Verst\u00e4ndnis von und Einstellungen zur Mehrsprachigkeit sowie \u00fcber Verbesserungsm\u00f6glichkeiten in der Lehre.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Prof. Dr. Sara H\u00e4gi-Mead: \u201eWir sehen dann manchmal, wo es noch Br\u00fcche und Inkonsistenzen gibt und merken, wo in der Lehre das eine oder andere noch besser thematisiert werden m\u00fcsste.\u201c<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Umsetzung von Forschungsergebnissen in der Praxis sind die gelungenen Ergebnisse jahrelanger Arbeit. In der Zusammenarbeit mit den Schulen erf\u00e4hrt sie viel Unterst\u00fctzung. Einen Grundgedanken, der die Mehrsprachigkeit in der Schule wesentlich f\u00f6rdern w\u00fcrde, formuliert sie zum Schluss: \u201eWir alle sind Teil dieser Migrationsgesellschaft, es gibt nicht nur die mit und die ohne Migrationshintergrund. Wir sind eine Gesellschaft. Diesen Gedanken w\u00fcnsche ich mir.\u201c<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Text Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p class=\"align-right\">\n<\/div>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 2009 sind angehende Lehrkr\u00e4fte im Rahmen ihrer Lehramtsausbildung dazu verpflichtet, ein Modul mit dem Titel \u201eDeutsch f\u00fcr Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler mit Zuwanderungsgeschichte\u201c zu besuchen. So schreibt es die in Nordrhein-Westfalen geltende Lehramtszugangsverordnung nun seit mehr als zehn Jahren vor.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-33310","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-19 18:19:12","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33310","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33310"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33310\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33356,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33310\/revisions\/33356"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33310"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33310"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33310"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}