{"id":33173,"date":"2021-01-22T16:43:41","date_gmt":"2021-01-22T15:43:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=33173"},"modified":"2021-01-22T16:44:25","modified_gmt":"2021-01-22T15:44:25","slug":"jahr100wissen-hamlet-als-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/01\/22\/jahr100wissen-hamlet-als-frau\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Der Film &#8222;Hamlet als Frau&#8220;"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_33175\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33175\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Foto_Sandra_Heinen_von_Berenika_Oblonczyk-1024x682.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Sandra Heinen &#8211; \u00a9 Foto Berenika Oblonczyk<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\">\n<p class=\"bodytext\">Erstmals wurde Hamlet nicht nur von einer Frau gespielt, sondern auch als solche im Film dargestellt. Im Interview blickt Prof. Dr. Sandra Heinen, Literatur- und Medienwissenschaftlerin in der Anglistik\/Amerikanistik, auf die Bedeutung dieser Darstellung sowie das durch den Film transportierte Frauenbild und analysiert weitere bekannte Beispiele f\u00fcr das Motiv des Geschlechtertauschs hinsichtlich ihrer Funktion.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"c28210\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Die Hamburger Filmpremiere von \u201eHamlet\u201c zeigte 1921 die Schauspielerin Asta Nielsen erstmals in einer M\u00e4nnerrolle. Der These von Vining folgend ist Hamlet im Film eigentlich eine Frau. Mit ihrer Darstellung griff Nielsen eine der wichtigsten Diskussionen der Moderne, die Gender-Debatte, auf. Wie gelang ihr das?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sandra Heinen:<\/b>\u00a0&#8222;Der Film erweitert Vinings exzentrische These, dass der D\u00e4nenprinz eigentlich eine Frau ist, durch eine plausibilisierende Vorgeschichte: In einem der Haupthandlung vorgelagerten Vorspiel sehen wir, wie die K\u00f6nigin ihre neugeborene Tochter als m\u00e4nnlichen Thronfolger ausgibt, weil sie den K\u00f6nig t\u00f6dlich verwundet glaubt und durch die L\u00fcge den Thron retten will.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Verweis auf Vining im Vorspann des Films liefert den Filmemachern in erster Linie die Legitimation, in dem noch recht jungen und noch nicht g\u00e4nzlich etablierten Medium, deutlich von der hochkulturellen literarischen Vorlage abzuweichen und sich diese damit selbstbewusst anzueignen, denn die Abweichungen erscheinen als \u201ewissenschaftlich verb\u00fcrgt\u201c (auch wenn Vinings These in der Tat mehr \u00fcber die Rollenerwartungen des Hobbyforschers aussagt als \u00fcber das Shakespeare-Drama).<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Grundidee, dass Hamlet aus Gr\u00fcnden der Staatsr\u00e4son vorgeben muss, ein Mann zu sein, wird im Film nicht zu einer aus heutiger Sicht nahliegenden Kritik an dem Gesellschaftssystem entwickelt, das Frauen das Recht zu herrschen verwehrt. Allerdings r\u00fcckt sie den performativen Charakter von Geschlechteridentit\u00e4ten in den Fokus: Im Gegensatz zu vielen fr\u00fcheren und sp\u00e4teren Theaterinszenierungen, in denen Hamlet von Schauspielerinnen gespielt wurde, sollen die Zuschauer*innen von Asta Nielsens <i>Hamlet<\/i> nicht vergessen, dass sie eine Frau sehen, die einen Mann spielt. Ein hinzugef\u00fcgter, romantischer Handlungsstrang ruft die eigentliche Geschlechtsidentit\u00e4t von Hamlet wiederholt in Erinnerung, denn diese(r) hat sich in Horatio verliebt und wird mehrmals im Kampf mit den eigenen \u201eweiblichen\u201c, und daher nicht rollenkonformen Gef\u00fchlen gezeigt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Obwohl Hamlets Liebesleid anzeigt, dass er\/sie im Innersten eine Frau ist (f\u00fcr die nichts so wichtig ist, wie der geliebte Mann) und der Film hier den alten Rollenbildern verhaftet bleibt, ruft die Inszenierung in anderen Aspekten ein deutlich moderneres Frauenbild auf.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Denn der in Strumpfhosen und Tunika geh\u00fcllte schmale K\u00f6rper von Nielsen, deren Haare zu einem Pagenkopf frisiert sind, spielt nicht nur auf mittelalterliche Ritterkost\u00fcmierungen an, sondern auch auf das damals gerade aufkommende progressive Frauenbild der \u201eFlappers\u201c, die sich selbstbewusst den traditionellen Rollenerwartungen widersetzten und ihre Unabh\u00e4ngigkeit u. a. durch das Tragen (relativ) kurzer R\u00f6cke und kurzer Haare zum Ausdruck brachten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Einige der hinzugef\u00fcgten Szenen tragen zur Ausschm\u00fcckung dieser im Film pr\u00e4sentierten Variante der \u201eNeuen Frau\u201c bei, so etwa Szenen, die Hamlet beim Studium an der Universit\u00e4t oder in Aktion in der Fechtschule zeigen, also bei T\u00e4tigkeiten, die traditionell M\u00e4nnern vorbehalten waren. Nielsens Ber\u00fchmtheit und der daraus resultierende Erfolg des Films popularisierten den von der Schauspielerin pr\u00e4sentierten modernen Frauentyp, was wohl der sp\u00fcrbarste Eingriff in die zeitgen\u00f6ssische Gender-Debatte war.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Einen Tag nach der Berliner Premiere am 5. Februar 1921 verriss der Filmkritiker Willy Haas, der zum Kreis von Franz Kafka und Franz Werfel geh\u00f6rte, den Film, mit Ausnahme der Darstellung von Asta Nielsen, \u00fcber die er res\u00fcmierend sagte: \u201eEs w\u00e4re l\u00e4cherlich von \u201aguten Momenten\u2018 zu sprechen \u2013 wo jede Sekunde meisterhaft ist\u201c. Was hatte Nielsen, was Anderen fehlte?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sandra Heinen:<\/b>\u00a0&#8222;Da es sich bei Hamlet um einen Stummfilm handelt, ist der K\u00f6rper der Schauspieler und Schauspielerinnen deren prim\u00e4res Ausdrucksmittel. Und dieses beherrschte die Hauptdarstellerin meisterhaft. Ihre K\u00f6rperhaltung, ihre Gesten und ihre Mimik sind von bemerkenswerter Expressivit\u00e4t und Nuanciertheit. F\u00fcr die heutigen Zuschauer*innnen mag die Darstellung Nielsens aufgrund der ver\u00e4nderten Sehgewohnheiten theatralisch oder \u00fcbertrieben wirken, im Kontext der \u00fcberwiegend sprachlosen Ausdrucksform des fr\u00fchen Films vermittelt sie aber die Emotionen der Hauptfigur mit der erforderlichen Eindr\u00fccklichkeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die schauspielerische Darstellung Nielsens wird dabei durch Kost\u00fcme und Maske unterst\u00fctzt. Durch ihre dunkle Kleidung hebt sich die Hauptfigur in vielen Einstellungen sowohl vom jeweiligen Hintergrund als auch von den anderen Figuren deutlich ab.&#8220;<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Das Motiv des Geschlechtertauschs wird auch in sp\u00e4teren Filmen immer wieder aufgenommen: Victor\/Victoria (1982), Yentl (1983), Boys Don\u2019t Cry (1999) oder Albert Nobbs (2011). Was reizt K\u00fcnstler*innen bis heute an diesem Motiv?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Sandra Heinen:<\/b>\u00a0&#8222;Die genannten Filme geh\u00f6ren unterschiedlichen Genres an und der jeweilige Akt von Cross-Dressing ist zudem auf der Ebene der Handlung durch andere Umst\u00e4nde motiviert. Daher sollte man hier differenzieren: Bei <i>Victor\/Victoria<\/i> handelt es sich um eine Variante der Verwechslungskom\u00f6die, bei der die \u00dcbernahme der m\u00e4nnlichen Geschlechterrolle durch die Protagonistin in erster Linie Anlass f\u00fcr unterhaltsame Verwicklungen ist. Die Rollen\u00fcbernahme ist zudem nur tempor\u00e4r, d. h. die urspr\u00fcngliche Geschlechtsidentit\u00e4t und die traditionelle Geschlechterordnung \u2013 repr\u00e4sentiert durch die gl\u00fcckverhei\u00dfende heterosexuelle Paarbeziehung \u2013 werden am Ende wiederhergestellt und daher nicht grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><i>Albert Nobbs<\/i> und <i>Yentl<\/i> sind Historienfilme, deren Handlungen in konservativen Gesellschaften des sp\u00e4ten 19. bzw. fr\u00fchen 20. Jahrhundert angesiedelt sind, in Kontexten also, in denen die Handlungsm\u00f6glichkeiten von Frauen stark eingeschr\u00e4nkt waren. Entsprechend ist die Entscheidung der jeweiligen Protagonistinnen, sich als M\u00e4nner auszugeben, ein Akt der Selbsterm\u00e4chtigung und eine Befreiung von den Einschr\u00e4nkungen der stark patriarchal gepr\u00e4gten Welten, in denen sie leben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Entsprechend wird die so erfolgende feministische Kritik an den patriarchalen Gesellschaften in keinem der beiden Filme durch ein romantisches Happy End oder eine R\u00fcckkehr zur traditionellen Geschlechterordnung relativiert. Allerdings richtet sich die Kritik aufgrund der historischen Kontextualisierung allein auf die Vergangenheit; die Gegenwart bleibt davon unber\u00fchrt und erscheint als bessere Alternative.<\/p>\n<div id=\"attachment_33176\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-33176\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/Asta_Nielsen_in_Hamlet_Zeichnung_Jana_Fischer__002_-1024x682.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"682\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Asta Nielsen in Hamlet &#8211;\u00a0Zeichnung Jana Fischer &#8211; \u00a9 Jana Fischer<\/span><\/div>\n<p class=\"bodytext\">Ganz anders liegt die Sache bei dem Spielfilm <i>Boys Don\u2019t Cry<\/i>, und zwar aus zwei Gr\u00fcnden: Zum einen spielt die Handlung nur wenige Jahre vor Erscheinen des Films und basiert zudem auf einer wahren Geschichte. Die durch den Film artikulierte Gesellschaftskritik erhebt daher den Anspruch, unmittelbar relevant f\u00fcr die Gegenwart zu sein. Zum anderen geht es in dem Film nicht um eine Frau, die in die Rolle eines Mannes schl\u00fcpft, um damit ein Ziel zu erreichen, das sie nur als Mann erreichen kann, sondern um einen Menschen, der sich als Mann f\u00fchlt, aber mit dem K\u00f6rper einer Frau geboren wurde.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Entscheidung, sich als Mann auszugeben, ist daher f\u00fcr den Protagonisten Brendon Teena weder eine Kost\u00fcmierung noch ein Aufbegehren gegen das Patriarchat, sondern der (im Film ebenso wie in der Wirklichkeit) letztlich grausam bestrafte Versuch, die eigene Geschlechtsidentit\u00e4t zu leben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die Thematisierung eines Wechsels der Geschlechtsidentit\u00e4t kann also sehr unterschiedliche Funktionen haben, wobei in den genannten Filmen das Spektrum von der Erzeugung von Komik und Unterhaltungsmomenten \u00fcber Kritik an \u00fcberwundenen Diskriminierungsformen (und dadurch zugleich einer impliziten Darstellung der Gegenwart als emanzipierter Gesellschaft) bis hin zur Kritik an aktuell weiterhin wirksamen restriktiven Geschlechternormen reicht.&#8220;<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Text: Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<p class=\"align-right\">\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. Am 27. Januar 1921 feierte der Film \u201eHamlet\u201c, der auf dem Buch \u201eThe Mystery of Hamlet\u201c des amerikanischen Shakespeareforschers Edward P. Vining basiert, in Hamburg Premiere und wurde ein Welterfolg.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-33173","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-08 04:17:25","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=33173"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":33178,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/33173\/revisions\/33178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=33173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=33173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=33173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}