{"id":31296,"date":"2020-09-28T16:15:13","date_gmt":"2020-09-28T14:15:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=31296"},"modified":"2022-08-09T13:50:53","modified_gmt":"2022-08-09T11:50:53","slug":"jahr100wissen-parfuem-chanel-n-5-die-kreation-einer-ikone","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2020\/09\/28\/jahr100wissen-parfuem-chanel-n-5-die-kreation-einer-ikone\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Parf\u00fcm Chanel N\u00b0 5 &#8211; die Kreation einer Ikone"},"content":{"rendered":"<div id=\"c27961\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-imagewrap\" data-csc-images=\"1\" data-csc-cols=\"2\">\n<div id=\"attachment_44287\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-44287\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/12\/Bornhorst-Jarych1-2-1024x707.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"707\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Julia Bornhorst &#8211; \u00a9 Sebastian Jarych<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Vor 100 Jahren wurde der erfolgreichste Damenduft aller Zeiten, Chanel N\u00ba\u00a05, erfunden. Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass weltweit alle 30 Sekunden ein Flakon verkauft wird. Woraus besteht eigentlich ein Parf\u00fcm?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bornhorst: <\/b>Das ist eine spannende Frage, die uns Lebensmittelchemiker*innen h\u00e4ufig besch\u00e4ftigt, weil wir uns nicht nur mit Lebensmitteln, sondern auch mit Kosmetika und Bedarfsgegenst\u00e4nden befassen. Parf\u00fcm ist definiert als ein Riechstoff, der den K\u00f6rpergeruch \u00fcberdecken oder einen Duft ver\u00e4ndern soll. Es besteht haupts\u00e4chlich aus Alkohol plus destilliertem Wasser, dem man zus\u00e4tzlich \u2013 fr\u00fcher h\u00e4ufiger als heute \u2013 \u00e4therische \u00d6le, sowohl aus Blumen als auch aus tierischen Produkten, zusetzt. Heute benutzt man weniger nat\u00fcrliche Essenzen als vielmehr synthetische Stoffe.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Dadurch erh\u00e4lt ein Parf\u00fcm ein aufregendes Duftbouquet aus ganz verschiedenen Verbindungen. Es k\u00f6nnen zwischen 12 und 600 Verbindungen sein, die die Gesamtnote ausmachen. Daran sieht man auch, wie eng die Parf\u00fcmherstellung mit der eigentlichen Chemie verkn\u00fcpft ist. Enthalten sind zahlreiche Aldehyde, d.h. viele kleine, fl\u00fcchtige Verbindungen, die beim Auftragen im Idealfall direkt die Nase erreichen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Spannend dabei ist die Tatsache, dass sich der Duft eines Parf\u00fcms aus drei unterschiedlichen Noten zusammensetzt. Zuerst haben wir die Kopfnote, dann die Herznote und schlie\u00dflich die Basisnote. Die Kopfnote ist die, die die Kund*innen im Gesch\u00e4ft \u00fcberzeugt, das Produkt zu kaufen. Es ist der erste Eindruck, den man durch Auftragen und Riechen erh\u00e4lt. Die Herznote zeigt einem mehrere Stunden sp\u00e4ter, wie sich das Parf\u00fcm mit dem eigenen K\u00f6rpergeruch verbindet.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Daher werden hier h\u00e4ufig sehr viele blumige Noten verwendet. Die Basisnote ist f\u00fcr den langanhaltenden Geruch verantwortlich. Hierbei handelt es sich eher um schwere Verbindungen, in denen teilweise auch tierische Moschusaromen einsetzt werden. Man unterscheidet diese drei Noten ganz klar voneinander. F\u00fcr die h\u00e4ufige Nutzung eines Duftes sind eher die Herz- und Basisnote entscheidend und nicht die spontane Entscheidung im Gesch\u00e4ft.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Kreiert wurde Chanel N\u00ba\u00a05 von dem ehemaligen franz\u00f6sischen Chemiker und Parf\u00fcmeur des russischen Zarenhofes, Ernest Beaux. Es besteht aus genau 31 Parf\u00fcm-Rohstoffen. Welche sind das zum Beispiel?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bornhorst: <\/b>Beim Parf\u00fcm nutzt man vor allem sehr kleine Molek\u00fcle, weil diese fl\u00fcchtig sein m\u00fcssen, damit sie die Nase direkt erreichen. Bei Chanel N\u00ba\u00a05 hat man erstmalig eine Aldehyd\u00fcberdosis kreiert, d.h. man hat mit vielen synthetischen Aldehyden gearbeitet. Das war zur damaligen Zeit etwas ganz Besonderes. Die Kopfnote wird geruchlich von einem strahlendfrischen, leicht metallisch-wachsig-rauchigen Aldehyd-Komplex dominiert, mit seinen typischen Ankl\u00e4ngen an Rosenbl\u00e4tter und Orangenschalen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Die zitrusartigen Facetten werden durch Bergamott\u00f6l, Linalool und Petitgrain\u00f6l aufgenommen und unterstrichen. Die Herznote wird u.a. von den Dufteckpfeilern Jasmin, Rose, Maigl\u00f6ckchen, Iris-Butter und Ylang-Ylang-\u00d6l aufgespannt. Weitere Bestandteile sind Mairose, Neroli-Essenz und brasilianische Tonkabohnen. Nuanciert wird dieser Duft durch Sandelholz- und Patchouli\u00f6l. Vanillin, Coumarin und Storax leiten dann zum betont sinnlichen Moschus-Komplex \u00fcber, der im Schlussakt der Komposition das Thema bestimmt und im Original von 1921 aus echten Moschusanteilen bestand. So entstand eine enorm breite Duftnote.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Interessant ist, dass Chanel bis heute damit wirbt, dass bei der Herstellung neben synthetischen Stoffen Extrakte von Jasmin und Mairose verwendet werden, die in Grasse angebaut werden. Das pr\u00e4gt sowohl die Kopf- als auch die Basisnote und das ist au\u00dfergew\u00f6hnlich f\u00fcr so ein Edelparf\u00fcm.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Coco Chanel wollte diesen Duft urspr\u00fcnglich nur als kleines, auf 100 Flakons limitiertes Weihnachtsgeschenk f\u00fcr ausgew\u00e4hlte Kundinnen ordern und war von der Nachfrage \u00fcberw\u00e4ltigt, sodass das Parf\u00fcm 1922 in Produktion ging. Was ist das Bet\u00f6rende an diesem Duft?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bornhorst:<\/b> Chanel N\u00ba\u00a05 war revolution\u00e4r, denn damals gab es mehr Parf\u00fcms, die nur an eine bestimmte Blume erinnert haben. Chanel N\u00ba\u00a05 ist aber ein Gesamtensemble aus verschiedenen blumigen aber auch tierischen Essenzen. Durch die Nutzung der Aldehyde hat man der Kreation einen unfassbaren Schwung gegeben, denn die Stoffe hatten eine ungeheure Diffusionskraft, d.h. diese Duftzusammensetzung war bei den Damen auch \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum riechbar.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Coco Chanel hat damals gesagt, sie kreiere ein Parf\u00fcm f\u00fcr Frauen, das den Duft der Frauen tr\u00e4gt. Schon durch das Marketing hat sie den Kundinnen das Gef\u00fchl gegeben, der Duft \u00fcbert\u00fcnche nicht den eigenen Geruch, sondern vervollkommne sie.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Auch der Flakon hat eine ganz eigene Form. Sehr zur\u00fcckhaltend hat man sich eher an einem Beh\u00e4ltnis f\u00fcr Herrend\u00fcfte orientiert. Diese Schlichtheit hat sich bis heute nicht ver\u00e4ndert. Au\u00dferdem hat man hat fr\u00fch erkannt, wie wichtig das Marketing f\u00fcr den Verkauf ist. Zuerst hat Coco Chanel als Stilikone ihr Parf\u00fcm selbst vermarktet.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Anschlie\u00dfend warb Marylin Monroe mit dem Slogan \u201eIch trage nachts nichts au\u00dfer ein paar Tropfen Chanel N\u00ba\u00a05<b>\u201c\u00a0 <\/b>f\u00fcr den Duft, was einen enormen Absatz des Parf\u00fcms zur Folge hatte. Sp\u00e4ter hat man Ber\u00fchmtheiten wie Catherine Deneuve gewinnen k\u00f6nnen und mit Brad Pitt sogar das erste m\u00e4nnliche Model eingesetzt, das ein Parf\u00fcm f\u00fcr Frauen bewirbt. Chanel N\u00ba\u00a05 bet\u00f6rt durch den eigentlichen Duft, den Flakon und die sehr gute Marketingstrategie.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Gibt es eigentlich Duftstoffe, die den Menschen manipulieren?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bornhorst: <\/b>Auf jeden Fall! Der menschliche Geruchssinn ist Teil des Gehirns. Wenn wir etwas riechen, merken wir uns nicht die chemische Verbindung, sondern wir speichern es ab als Emotion, als Sinneseindruck und verbinden es meist auch mit sozialen Aspekten. Wenn man Kamingeruch wahrnimmt, dann hat man oft ein positives, wohliges Gef\u00fchl, bei dem Geruch von frischem Brot freut man sich aufs Fr\u00fchst\u00fcck. Genauso verh\u00e4lt es sich auch bei D\u00fcften. Auch die Partnerwahl wird so gesteuert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Der Geruchssinn ist unfassbar wichtig f\u00fcr uns, auch um uns vor Gefahren zu sch\u00fctzen. Brandgeruch l\u00e4sst uns handeln oder vor der Gefahr fliehen. Andere Ger\u00fcche, wie z.B. der Besuch eines Jahrmarktes mit Zuckerwatte und Bonbons, animieren zum Kauf und Verzehr von S\u00fc\u00dfigkeiten. Das Riechen ist direkt mit der Emotion verbunden. Die Riechnerven sind Nervenzellen, sogenannte Neuronen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">An ihren Ausl\u00e4ufern sitzen die unterschiedlichen Rezeptoren, an denen sich die nach dem Schl\u00fcssel-Schloss-Prinzip ankommenden D\u00fcfte andocken, ein Signal ausl\u00f6sen und \u00fcber den Riechkolben geleitet direkt ins Gehirn gesendet werden. Dort wird zu jedem Duft eine bestimmte Emotion abgespeichert.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Jedes Neuron tr\u00e4gt ein Gen f\u00fcr einen spezifischen Duft \u2013 und wir reden hier von Millionen von Nervenzellen. F\u00fcr die Forschung zu diesem Thema hat es erst 2004 den Nobelpreis gegeben. Die Auszeichnung im Bereich Medizin und Physiologie ging an die \u201eEntdeckung der Geruchsrezeptoren und der Organisation des olfaktorischen Systems\u201c. Es hat lange gedauert, um diesen Prozess zu charakterisieren. Gehirn und Riechen m\u00fcssen wir in engem Zusammenhang betrachten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Nach welchen Kriterien suchen Sie ein Parf\u00fcm aus?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Bornhorst<\/b>:\u00a0 Ich mag es pers\u00f6nlich eher frisch und blumig und nicht zu intensiv in der Basisnote. Ich achte immer darauf, dass ich sowohl Parf\u00fcms als auch parf\u00fcmierte Deodorants oder Duschgels regelm\u00e4\u00dfig wechsele, weil es einen sogenannten Adaptationseffekt gibt. Wenn man immer das gleiche Parf\u00fcm verwendet, braucht man immer mehr davon, um den Duft selber wahrnehmen zu k\u00f6nnen. Die Nervenzellen bilden sich alle f\u00fcnf bis sechs Wochen neu. Um sich also nicht an diesen Adaptationseffekt zu gew\u00f6hnen, sollte man sich auch mal eine Pause von seinem Lieblingsduft g\u00f6nnen.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blas<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"align-right\">\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. 1920 wurde das Parf\u00fcm Chanel N\u00b0 5 erfunden. Im Interview spricht Lebensmittelchemikerin Prof. Dr. Julia Bornhorst unter anderem dar\u00fcber, was den Duft so erfolgreich macht und erkl\u00e4rt, welchen Einfluss Ger\u00fcche auf das menschliche Gehirn haben.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-31296","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-12 12:48:11","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=31296"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54489,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/31296\/revisions\/54489"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=31296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=31296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=31296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}