{"id":30342,"date":"2020-08-13T08:36:28","date_gmt":"2020-08-13T06:36:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=30342"},"modified":"2022-08-09T13:51:39","modified_gmt":"2022-08-09T11:51:39","slug":"jahr100wissen-praesidentschaftswahlen-in-den-usa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2020\/08\/13\/jahr100wissen-praesidentschaftswahlen-in-den-usa\/","title":{"rendered":"\u201eJahr100Wissen\u201c: Pr\u00e4sidentschaftswahlen in den USA"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_39772\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-39772\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Transferstory_Mittendorf-2-1024x657.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"657\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Dr. Volker Mittendorf &#8211; \u00a9\u00a0Foto UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div id=\"c27794\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Am 03. November 2020 stehen die Pr\u00e4sidentschaftswahlen in den USA an. Fast auf den Tag genau vor 100 Jahren, am 2. November 1920, wurde der Republikaner Warren G. Harding zum 29. Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten gew\u00e4hlt. Es gibt viele Parallelen zu Donald Trump. So war Harding als erfolgreicher Zeitungsverleger sehr begabt in \u00f6ffentlichen Auftritten, zahlreiche Skandale begleiteten seine Regierungszeit und eine uneheliche Aff\u00e4re wurde durch Bestechung zum Schweigen verurteilt. Wie ist die Karriere solcher M\u00e4nner zu erkl\u00e4ren?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf:<\/b> Das ist ein Spezifikum von pr\u00e4sidentiellen Systemen. Da wird Macht auf eine einzelne Person konzentriert und das ist nat\u00fcrlich ein ganz anderes System als hier bei uns in der Bundesrepublik. Wir haben ein parlamentarisches System, in dem die Macht auch im Kabinett auf mehrere Personen verteilt ist. Wir haben zudem die Unterteilung zwischen Pr\u00e4sident und Kanzler. Dadurch ist dieser personelle Faktor etwas reduziert und es fehlt die extrem starke Konzentration auf diese charismatischen Pers\u00f6nlichkeiten, die in der breiten Bev\u00f6lkerung wirken. Sie ben\u00f6tigen, um so ein Amt einzunehmen, auch den unbedingten Willen oder das Gef\u00fchl, gerne im Mittelpunkt zu stehen. Bei einem Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf muss man gerne vor Leuten stehen und reden. Das ist eine bestimmte Pers\u00f6nlichkeitsstruktur, ein gewisser Narzissmus, der besonders stark ausgepr\u00e4gt sein muss, um so ein Amt \u00fcberhaupt anstreben zu wollen. Dazu kommt noch, Harding war ein erfolgreicher Zeitungsverleger, Trump ist erfolgreicher Bauunternehmer oder stammt aus einer erfolgreichen Bauunternehmerfamilie. Man kommt in den USA ohne extrem gro\u00dfe eigene Ressourcen fast nicht in so ein Amt hinein. Die amerikanische Rechtsprechung setzt de facto fast keine Grenzen der privaten Wahlkampffinanzierung und dementsprechend sind es immer reiche Personen, Leute, die gute Vernetzungen in diesem Bereich haben.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Harding verfolgte, und auch das hat sich wiederholt, eine Politik des Isolationismus, heute als \u201eAmerica first\u201c bekannt, sowie eine Einwanderungsbeschr\u00e4nkung \u2013 siehe Trumps Mauerpl\u00e4ne. Haben die Amerikaner*innen das vergessen?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf: <\/b>Es war eine andere Zeit. Der Unterschied ist schlicht und ergreifend: Kurz nach dem ersten Weltkrieg, der auch viele Opfer in den USA forderte, hatte eine milit\u00e4rische Zur\u00fcckhaltung in der Bev\u00f6lkerung eine hohe Zustimmung. Isolationismus damals bedeutete ja eigentlich auch eine Abkehr von einer Kanonenbootpolitik, also die Durchsetzung von Wirtschafts- und Machtinteressen. Die USA, und das sieht man aus der europ\u00e4ischen Brille etwas weniger, war nat\u00fcrlich in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts sehr erfolgreich darin, milit\u00e4rische Macht auch in wirtschaftliche Macht umzum\u00fcnzen, wenn man in den pazifischen Raum schaut. Gegen diese Art von Wirtschaftspolitik wandte sich Warren Harding. Das hat eine andere Konnotation als die heutige B\u00fcndnispolitik, die wir im Kalten Krieg oder nachher in einer liberalorientierten B\u00fcndnispolitik hatten, gegen die sich Donald Trump richtet. Harding war im Gegensatz zu Trump ein sehr liberaler Mensch. Er hatte das Bild \u201eAlle Menschen sind gleich\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>1920 waren erstmals Frauen wahlberechtigt, f\u00fcr deren Rechte sich Harding stark machte. Er erhielt 60,3 Prozent der Wahlm\u00e4nnerstimmen und erreichte einen erdrutschartigen Sieg. Was hatte er, was Anderen fehlte?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf:<\/b> Er hat das Frauenwahlrecht sehr stark unterst\u00fctzt, das hat ihn sehr von den anderen Kandidaten unterschieden. Und er hat sehr gut in der \u00d6ffentlichkeit gewirkt. Seine Auftritte zeigen, er wusste sich gut in Szene zu setzen. Au\u00dferdem kam diese Kriegsabwehrhaltung sehr gut bei der Bev\u00f6lkerung an. Er war also bei Frauen popul\u00e4r und bei Leuten, die den Frieden wollten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Hardings Reden enthielten oft Versprecher oder Sinnfehler. Er beharrte jedoch darauf, seine Reden selbst zu schreiben. Kritiker*innen warfen ihm ein grauenhaftes, fehlerhaftes Englisch vor. Auch das kennen wir vom amtierenden Pr\u00e4sidenten. Wieso agieren Politiker*innen in solchen F\u00fchrungspositionen nicht vorsichtiger?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf:<\/b> Weil sie es nicht m\u00fcssen. Sie m\u00fcssen nicht vorsichtiger agieren, das amerikanische Gef\u00fchl \u201eDa ist einer von uns\u201c, das ist etwas, was beide sehr gut vermitteln konnten. Das kann auch Trump sehr gut vermitteln, obwohl er nicht aus der Arbeiterschicht kommt. Diesen Eindruck verst\u00e4rkt er geradezu noch durch seine schlechte Rhetorik. Es ist bei Harding wahrscheinlich auch nicht anders gewesen. Er wirkte wie einer aus dem Volk, der einfach redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und daf\u00fcr authentisch wirkt. Das Authentische bei den amerikanischen Pr\u00e4sidenten kommt gerade daher, dass sie die Sprache des Volkes sprechen. Da sind Versprecher nicht nur legitim, sondern sie wirken besonders sympathisch und authentisch.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Eine gro\u00dfangelegte Korruptionsaff\u00e4re seines Beraterstabs belastete die Amtszeit Hardings, Trump wirft man immer noch Wahlmanipulation in der Ukraine-Aff\u00e4re vor. Wieso machen solche Skandale einer Regierung nicht den Garaus?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf:<\/b> Man denkt vielleicht, dass eine demokratische Bev\u00f6lkerung eher sagt, die Leute m\u00fcssen besonders ehrlich oder sonst was sein. Aber stimmt das? Wer hat nicht schon mal etwas bei der Steuer nicht angegeben? Es geht um ein Gef\u00fchl! Man kann sich die Frage stellen, ob Donald Trump wirklich das Richtige will, denn es gibt ja nicht wenige Politiker*innen in der Republikanischen Partei, die momentan sagen, er sei eigentlich jemand, der den Willen Russlands verfolge, das hei\u00dft \u00fcberhaupt nicht patriotisch handele. Er hat lange Zeit davon gezehrt, dass er einfach durchsetzungsstark ist. Es kann dazu in der Bev\u00f6lkerung auch attraktiv wirken, wenn jemand mit unredlichen Mitteln vermeintlich etwas f\u00fcr andere \u2013 und vermeintlich f\u00fcr einen selbst \u2013 erreicht.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Harding starb nach drei Amtsjahren pl\u00f6tzlich an einem Herzinfarkt. Trump steht vor seiner Wiederwahl. Wie sch\u00e4tzen sie seine Chancen ein?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mittendorf:<\/b> Ich h\u00e4tte sie im April noch sehr gut eingesch\u00e4tzt. Nun bin ich mir nicht mehr ganz so sicher. Es liegt daran, dass seine Unt\u00e4tigkeit in der Coronapolitik mittlerweile die eigene W\u00e4hlerschaft sehr stark trifft. Dennoch kann man jemanden wie Trump nicht abschreiben, weil er entgegen aller Voraussagen im Prinzip immer wieder besser dagestanden hat, als es die Wahlprognosen angedeutet haben. Die Chancen halte ich immer noch f\u00fcr gegeben, wenngleich nicht mehr so gro\u00df. Die Schw\u00e4che der demokratischen Partei ist eben auch sehr offensichtlich. Der Vorauswahlmechanismus ist nicht besonders effektiv gewesen. Die Partei ist extrem zerstritten.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es gibt viele Diskussionen in den USA, die auf eine Schw\u00e4che der amerikanischen Verfassung hinwirken, n\u00e4mlich, dass der Amts\u00fcbergang nicht wirklich gut geregelt ist sowie die Problematiken, wenn Wahlen nicht stattfinden k\u00f6nnen. Aktuell in der Coronakrise l\u00e4sst es die amerikanische Verfassung durchaus zu, dass das jeweilige Staatsparlament die Wahlm\u00e4nner ins \u201eElectoral College\u201c schickt. Und dementsprechend k\u00f6nnte es schlicht und ergreifend sein, dass die Wahlen f\u00fcr nicht durchf\u00fchrbar erkl\u00e4rt werden. Dann w\u00fcrden einige republikanische Staaten ihre Wahlm\u00e4nner einfach so bestimmen. Und wenn das in den Swing States passiert, dann w\u00fcrde Trump dadurch unter Umst\u00e4nden Pr\u00e4sident bleiben, und das w\u00e4re eine Form des kalten Putsches.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Es k\u00f6nnte auch sein, der Amts\u00fcbergang ist nicht wirklich geregelt, der Pr\u00e4sident muss die Niederlage anerkennen. Jemand wie Donald Trump erkennt keine Niederlage an, egal wie deutlich sie ist. Da ist dann die Frage, wie bekommt man ihn aus dem Amt heraus? Das ist eine Diskussion, die in den USA momentan sehr offen gef\u00fchrt wird. Und wenn man sich anschaut, dass der Pr\u00e4sident den Heimatschutz schon jetzt in die demokratischen St\u00e4dte schickt, lassen sich \u00dcberlegungen anstellen, was passiert eigentlich, wenn er die Wahl verliert? Ein Sprengstoff, der nicht nur in der Jurisprudenz (Rechtswissenschaft, Anm. d. Red.) diskutiert wird. Das sind Probleme, die bei der Pers\u00f6nlichkeitsstruktur von Trump durchaus in Betracht kommen.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>Uwe Blass<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. 1920 wurde der Republikaner Warren G. Harding 29. Pr\u00e4sident der Vereinigten Staaten. Sein Parteikollege Donald Trump steht 100 Jahre sp\u00e4ter vor einer Wiederwahl. Ein \u201eJahr100Wissen\u201c-Interview mit dem Politikwissenschaftler Dr. Volker Mittendorf.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-30342","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-09 08:00:23","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30342","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=30342"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30342\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54490,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/30342\/revisions\/54490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=30342"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=30342"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=30342"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}