{"id":29043,"date":"2020-05-28T19:10:59","date_gmt":"2020-05-28T17:10:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/?p=29043"},"modified":"2022-08-09T13:54:56","modified_gmt":"2022-08-09T11:54:56","slug":"reich-ranicki-sorgte-dafuer-dass-literatur-im-gespraech-blieb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2020\/05\/28\/reich-ranicki-sorgte-dafuer-dass-literatur-im-gespraech-blieb\/","title":{"rendered":"\u201eReich-Ranicki sorgte daf\u00fcr, dass Literatur im Gespr\u00e4ch blieb\u201c"},"content":{"rendered":"<div class=\"header\">\n<div id=\"attachment_42202\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-42202\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Matias-Martinez-2-1024x681.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"681\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez \/ Germanistik &#8211; \u00a9\u00a0Foto: UniService Transfer<\/span><\/div>\n<\/div>\n<div class=\"teaser-text\"><\/div>\n<div id=\"c27655\" class=\"csc-default\">\n<div class=\"csc-textpic csc-textpic-intext-right csc-textpic-equalheight\">\n<div class=\"csc-textpic-imagewrap\" data-csc-images=\"1\" data-csc-cols=\"2\"><b>Am 2. Juni 1920 wurde der einflussreichste deutsche Literaturkritiker des 20. Jahrhunderts, Marcel Reich-Ranicki, geboren. Wer war dieser Mann?<\/b><\/div>\n<div class=\"csc-textpic-text\">\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> In seiner lesenswerten Autobiografie \u201eMein Leben\u201c (1999) gibt Reich-Ranicki Einblick in seine bewegte Lebensgeschichte, die viel deutsche Geschichte widerspiegelt. Besonders eindrucksvoll sind die Kapitel \u00fcber seine fr\u00fchen Jahre. Er wurde 1920 in Polen in einer deutsch-polnischen, j\u00fcdischen Familie geboren, zog neunj\u00e4hrig zu Verwandten nach Berlin und machte dort mitten in der NS-Zeit 1938 Abitur. Studieren durfte er nicht, stattdessen wurde er nach Warschau deportiert. Dort musste Reich-Ranicki bald ins Ghetto und arbeitete f\u00fcr den \u201eJudenrat\u201c als \u00dcbersetzer aus dem Deutschen. Er erz\u00e4hlt, dass er sich in dieser Zeit immer, soweit das ging, sorgf\u00e4ltig kleidete und zweimal t\u00e4glich rasierte, um den Deutschen nicht negativ aufzufallen \u2013 eine Angewohnheit, die er lebenslang beibehielt. Eltern und Bruder wurden von Deutschen ermordet. Nach dem Krieg blieb er in Polen und arbeitete u. a. als Diplomat und f\u00fcr den Geheimdienst. 1958 siedelte er dann in die Bundesrepublik \u00fcber und wurde der einflussreichste deutschsprachige Literaturkritiker seiner Zeit.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Die \u00d6ffentlichkeit nannte ihn auch gerne den Literaturpapst. Wie kam er zu diesem Titel?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> Ironischerweise hat dieser Literaturpapst zwar Abitur gemacht, aber nie studiert. Sp\u00e4ter folgten allerdings viele Ehrenpromotionen, Honorarprofessuren, Gastprofessuren und Preise. Den Titel \u201eLiteraturpapst\u201c verdiente er sich durch brillant geschriebene Kritiken, aber auch durch seine erstaunliche Belesenheit, unerm\u00fcdliche Produktivit\u00e4t und gro\u00dfe mediale Pr\u00e4senz \u00fcber ein halbes Jahrhundert hinweg: Er war Feuilleton-Mitarbeiter der ZEIT (1960-1973) und Literatur-Leiter der FAZ (1973-1988). Im Fernsehen war er vor allem mit dem \u201eLiterarischen Quartett\u201c (1988-2002) erfolgreich. Au\u00dferdem schrieb er \u00fcber 20 B\u00fccher, gab zahlreiche Anthologien heraus, war Mitbegr\u00fcnder des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (1977) und vieler anderer literarischer Institutionen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Das \u201eLiterarische Quartett\u201c erreichte besonders viel Publikum. Kein anderes Feuilleton-Format hat in der Geschichte der Bundesrepublik den Verkauf von Literatur so stark beeinflusst. Die Buchh\u00e4ndler orientierten sich bei ihren Bestellungen an der Leseliste und den Empfehlungen des \u201eQuartetts\u201c. Es hat regelrecht Bestseller gemacht, z. B. Ruth Kl\u00fcgers Autobiografie \u201eweiter leben\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext\">Reich-Ranicki war mit seinen Kritiken auch deswegen so erfolgreich, weil er eine Literatur favorisierte, die anspruchsvoll, aber f\u00fcr ein allgemeines Publikum zug\u00e4nglich war. Unterhaltsam war f\u00fcr ihn kein Schimpfwort. Au\u00dferdem verstand er es, die Analyse literarischer Texte mit anekdotischen Details zu w\u00fcrzen. Er beschrieb Werke gern vor der Folie des Lebens ihrer Autoren. Ich erinnere mich an einen Aufsatz \u00fcber den \u00f6sterreichisch-ungarischen Schriftsteller \u00d6d\u00f6n von Horv\u00e1th, der damit endet, dass Horv\u00e1th absurderweise mitten in Paris auf den Champs-\u00c9lys\u00e9es von einem herunterfallenen Ast erschlagen wurde. Als man seine Taschen durchsuchte, fand man \u2013 f\u00fcgt Reich-Ranicki hinzu \u2013 einen kleinen Stapel erotischer Fotografien. Es sind solche kleinen Pointen, die nicht unbedingt das Verst\u00e4ndnis von Horv\u00e1ths Werken f\u00f6rdern, sich aber doch ins Ged\u00e4chtnis brennen und einen Autor plastisch machen.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Reich-Ranickis Kritik konnte bei\u00dfend sein. Von den Romanen des Literaturnobelpreistr\u00e4gers Heinrich B\u00f6ll hielt er nicht viel, Martin Walsers Buch \u201eTod eines Kritikers\u201c, in dem sein Einfluss als Mitglied des Literarischen Quartetts geschildert wird, nannte er den \u201etotalen Zusammenbruch eines Schriftstellers\u201c, und \u00fcber Elfriede Jelinek urteilte er \u201eEin guter Roman ist ihr nie gelungen, beinahe alle sind mehr oder weniger banal oder oberfl\u00e4chlich\u201c. Wollte er nur provozieren oder ganz klar Meinungsmache betreiben?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> Er wollte gewiss provozieren, um f\u00fcr die Literatur und wohl auch f\u00fcr sich selbst Aufmerksamkeit zu erregen. Aber die Aufgabe der Literaturkritik ist ja eben, anders als die der Literaturwissenschaft, die publikumswirksame Beurteilung und Bewertung von Literatur. Kritiker sind wichtige Akteure auf dem literarischen Markt, der heute mehr denn je in Konkurrenz zu anderen Medien steht. Es wird immer weniger Literatur gelesen \u2013 das sehe ich selbst bei meinen Germanistik-Studierenden. Reich-Ranicki sorgte daf\u00fcr, dass Literatur im Gespr\u00e4ch blieb.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Nat\u00fcrlich haben sich Autor*innen auch gewehrt. Peter Handke h\u00e4tte Reich-Ranickis fr\u00fcheren Tod nicht bedauert, G\u00fcnter Grass sprach von der Trivialisierung der Kritik durch einen schwachen Literaturkritiker und Rolf Dieter Brinkmann sagte ihm in einer Podiumsdiskussion ins Gesicht: \u201eWenn dieses Buch ein Maschinengewehr w\u00e4re, w\u00fcrde ich Sie jetzt \u00fcber den Haufen schie\u00dfen.\u201c Ist Reich-Ranicki \u00fcbers Ziel hinausgeschossen, oder sind gute Kritiker*innen so ambivalent?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> Reich-Ranicki sagte selbst: \u201eEin Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur\u201c. Aufgabe der Kritik sei auch die \u201eM\u00fcllabfuhr\u201c schlechter Werke. Seine Kritiken beginnen gern mit einem provokanten ersten Satz, der wie ein Teaser den Leser anlockt. Und er formulierte seine Urteile mit gro\u00dfer Entschiedenheit. G\u00fcnter Grass sagte einmal: \u201eReich-Ranicki schreibt nicht: \u201aIch finde den Autor XY unbegabt\u2018, sondern: \u201aDer Autor XY ist unbegabt\u2018\u201c.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Wie wird der 2013 verstorbene Kritiker heute beurteilt?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> Wichtiger als die Kritiken und B\u00fccher \u2013 obwohl diese immer noch gut zu lesen sind \u2013 ist aus heutiger Sicht vielleicht Reich-Ranickis zentrale Rolle im Literaturbetrieb der Bundesrepublik. Deren Bedeutung kann man neutraler analysieren, nachdem der Pulverdampf der Aktualit\u00e4t sich gelegt hat.<\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Herr Mart\u00ednez, welcher Kritiker des 21. Jahrhunderts mischt denn heute die Literaturszene auf?<\/b><\/p>\n<p class=\"bodytext\"><b>Mart\u00ednez:<\/b> Keiner tut das so stark wie Reich-Ranicki. Am ehesten vielleicht Denis Scheck, der in seiner einfallsreichen ARD-Sendung \u201eDruckfrisch\u201c klug \u00fcber Neuerscheinungen und mit Autoren spricht, aber auch schlechte B\u00fccher demonstrativ in die Tonne wirft. Dabei deckt er ein breiteres Spektrum als Reich-Ranicki ab, weil er die Popul\u00e4rkultur st\u00e4rker einbezieht. Ich lese auch die scharfsinnigen Kritiken von Ijoma Mangold (ZEIT) gern, weil man aus ihnen mehr, als das bei Reich-Ranicki der Fall war, dar\u00fcber lernt, wie die Werke literarisch gemacht sind.<\/p>\n<p class=\"align-right\"><strong>UWE BLASS<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Reihe \u201eJahr100Wissen\u201c besch\u00e4ftigen sich Wissenschaftler*innen der Bergischen Universit\u00e4t mit 100 Jahre zur\u00fcckliegenden Ereignissen, die die Gesellschaft ver\u00e4ndert und gepr\u00e4gt haben. Am 2. Juni 1920 wurde der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki geboren. Ein Interview mit dem Germanisten Prof. Dr. Mat\u00edas Mart\u00ednez \u00fcber eine bewegte Lebensgeschichte, bissige Kommentare und Reich-Ranickis Rolle im Literaturbetrieb der Bundesrepublik.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[],"class_list":["post-29043","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-05-15 00:30:38","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=29043"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29043\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54492,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/29043\/revisions\/54492"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=29043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=29043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=29043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}