{"id":15309,"date":"2021-06-03T15:13:03","date_gmt":"2021-06-03T13:13:03","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.10.16\/newsportal\/stadtzeitung\/index.php\/2017\/06\/03\/das-kreuz-mit-dem-kreuz\/"},"modified":"2022-08-09T12:30:23","modified_gmt":"2022-08-09T10:30:23","slug":"das-kreuz-mit-dem-kreuz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2021\/06\/03\/das-kreuz-mit-dem-kreuz\/","title":{"rendered":"Prof. Dietrich Gr\u00f6nemeyer: Das Kreuz mit dem Kreuz"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_45452\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 1034px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-large wp-image-45452\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/IMG_4852-1024x710.jpeg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"710\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Prof. Dr. Dietrich Gr\u00f6nemeyer &#8211; \u00a9 Claudio de Lucia<\/span><\/div>\n<p>Was w\u00e4ren wir ohne die tragende Kraft unseres R\u00fcckens&#8230; Er hat uns aufgerichtet, mit dem aufrechten Gang sind wir Menschen geworden. Erst nachdem wir die H\u00e4nde freibekommen hatten, waren wir in der Lage, zielgerichteter t\u00e4tig zu werden, Hand und Kopf zu verbinden. Die Evolution entfernte uns vom Tierreich, bis wir schlie\u00dflich mit Kultur und Zivilisation zu uns fanden. Der R\u00fccken hatte es m\u00f6glich gemacht.<\/p>\n<p>Und da mag es r\u00fcckschauend wie eine Ironie der Menschheitsgeschichte anmuten, dass der R\u00fccken unter eben dieser Zivilisation zu leiden hat wie kaum ein anderer Teil unseres K\u00f6rpers. An dem gl\u00fccklich errungenen Fortschritt hat er im wahrsten Sinne des Wortes schwer zu tragen. Nicht nur Fehlhaltungen bei der Arbeit, mangelnde Bewegung, \u00dcbergewicht oder gro\u00dfe Lasten, die wir ja nur noch gelegentlich heben m\u00fcssen, machen ihm zu schaffen. Auch der Stress, psychischer Druck, Mobbing und andere \u00c4ngste mehr, alles, was die Hektik des modernen Alltags mit sich bringt, bekommen wir im Kreuz zu sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Gef\u00fchle ver\u00e4ndern die Muskelspannung. Menschen, die \u201edie Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen\u201c, verspannen sich im Bereich der oberen Halswirbels\u00e4ule. Wer viel ertragen muss, viel \u201eauf dem Buckel\u201c oder die \u201eAngst im Nacken\u201c hat, hebt unbewusst die Schultern. Manchem wird \u201edas Kreuz gebrochen\u201c, andere \u201eziehen den Schwanz ein\u201c und versteifen im unteren R\u00fcckenbereich. 70 Prozent der R\u00fcckenleiden haben keine klare Diagnose.<\/p>\n<p>Feststeht nur, dass es in \u00fcber 80 Prozent der F\u00e4lle akuter R\u00fcckenschmerzen muskul\u00e4re Verspannungen sind, die urs\u00e4chlich wirken, w\u00e4hrend die vielfach vermuteten Verschlei\u00dferscheinungen gerademal mit 10 und die Bandscheibenvorf\u00e4lle gar nur mit 4 Prozent zu Buche schlagen. Verantwortlich daf\u00fcr ist die enge Verbindung der Muskulatur mit unserem limbischen System, dem \u201eGef\u00fchlsorgan\u201c des Gehirns. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass bei 80-90 Prozent der Patienten die chronischen R\u00fcckenschmerzen mit leichten depressiven Zust\u00e4nden verbunden sind. \u2028\u2028Das alles wei\u00df man, gewiss. Hier wird kein Geheimnis gel\u00fcftet, keine Erkenntnis verk\u00fcndet, die verwundern oder gar \u00fcberraschen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Erstaunen muss nur der Umstand, dass dieser Erkenntnis in der Praxis so selten Rechnung getragen wird. Sollte das vielleicht daran liegen, dass es dazu tieferer Einsichten bed\u00fcrfte, als sie die Verfahren hochentwickelter Medizintechnik er\u00f6ffnen k\u00f6nnen? Die Vermutung zumindest ist naheliegend, denkt man daran, dass wir es heute mit einer vorrangig naturwissenschaftlich gepr\u00e4gten und k\u00f6rperorientierten Medizin zu tun haben. Was die modernen High-Tech-Ger\u00e4te so pr\u00e4zise zeigen, sind aber oft und insbesondere beim R\u00fccken nur Darstellungen der Folgen, nicht der Ursachen, auch nicht des komplexen Zusammenspiels von Muskeln, Sehnen und B\u00e4ndern sowie der feinen Nervenverbindungen zu den inneren Organen.<\/p>\n<p>Funktionelle Beschwerden lassen sich weder bildlich noch laborm\u00e4\u00dfig erfassen. Hier bedarf es anderer Methoden und historischer Einsichten. Ist doch der R\u00fcckenschmerz zumeist ein Krankheitsph\u00e4nomen, das aus dem unmittelbaren Aufeinandertreffen von Vorgeschichte und Gegenwart resultiert. Denn noch immer reagieren wir auf aktuelle Bedrohung und \u00dcberforderung mit der gleichen Abwehrhaltung wie unsere Vorfahren: Der R\u00fccken spannt sich, wir sind auf dem Sprung, muskul\u00e4r disponiert f\u00fcr die Flucht oder den Angriff. Da wir aber, zu Menschen geworden und zivilisatorisch gez\u00fcgelt, nicht mehr wirklich wegspringen k\u00f6nnen, keine Chance besteht, die Spannung in der Aktion zu l\u00f6sen, manifestiert sich die spontane Reaktion zum schmerzhaften Dauerzustand. Und damit nicht genug. Um die Pein zu vermeiden, nehmen wir unbewusst eine Schonhaltung ein. Es kommt zu einseitiger Belastung mit neuer Anspannung. Selbst weiter entfernt liegende Muskelgruppen oder Organe bekommen das zu sp\u00fcren; chronische Schmerzzust\u00e4nde k\u00f6nnen so entstehen.<\/p>\n<p>Was dann in der Regel folgt, ist die rein k\u00f6rperliche Untersuchungen. Und wo das zu keiner eindeutige Diagnose f\u00fchrt, da dient die \u00e4rztliche Vermutung zum Ansatz der Therapie. Ihr Ziel ist h\u00e4ufig der schnelle Sieg \u00fcber die Symptome, \u00fcber den Schmerz. Doch das alles bleibt, so n\u00f6tig und hilfreich es sein mag &#8211; und abgesehen auch von L\u00e4hmungen oder gro\u00dfen Bandscheibenvorf\u00e4llen, die meist als Notf\u00e4lle operiert werden m\u00fcssen -, nur allzu oft St\u00fcckwerk, ein Erfolg von begrenzter Dauer, solange es nicht gelingt, zu den tieferen Ursachen vorzudringen. Nur jeder dritte Patient hat nach sechs Monaten Therapie weniger Schmerzen, und dann auch nur um ein Drittel weniger.<\/p>\n<p>Eine \u00c4nderung der inneren Haltung, die auf Erkenntnis des Problems fu\u00dft, w\u00fcrde Linderung schaffen und den Heilungsprozess unterst\u00fctzen. Nur wer die \u00c4ngste oder die Lasten kennt, die unseren R\u00fccken verspannen, kann die verkrampfenden Auswirkungen lindern. Die st\u00e4ndige Fehlhaltung am Computer zum Beispiel l\u00e4sst sich nicht wegoperieren, sie muss ge\u00e4ndert werden. Dieser Ansatz w\u00fcrde uns manche Behandlung ersparen, den \u00c4rzten wie den Patienten. Eine Vielzahl der Bandscheiben- und Versteifungsoperationen, die j\u00e4hrlich in Deutschland durchgef\u00fchrt werden, w\u00e4re vermeidbar, wenn es uns endlich gel\u00e4nge, eine ganzheitliche Behandlung zum Standard der R\u00fcckenmedizin zu machen. Davon aber sind wir weit entfernt.<\/p>\n<p>Immer noch wird eines der gr\u00f6\u00dften Volksleiden \u00fcberwiegend somatisch, nicht auch psychosomatisch oder gar psychosozial betrachtet und behandelt. Viel zu sehr haben wir uns daran gew\u00f6hnt, den K\u00f6rper mechanistisch zu verstehen, als ein handwerklich reparables R\u00e4derwerk. Die Geschichte des R\u00fcckens aber ist eine andere. Die Haltung, die wir ihm k\u00f6rperlich wie emotional verdanken, bedarf psychischer und sozialer St\u00e4rkung. Wo diese Kraft fehlt, drohen wir in einer gleichsam umgekehrten Evolution zu degenerieren. Die Verkrampfung, das unverstandene Reagieren wird zum Normalfall, der aufrechte Gang vom Leben gebeugt.<\/p>\n<p>Schwarze Gedanken, zivilisationsm\u00fcder Pessimismus? Nein, sieht man doch, dass es nicht mehr nur die \u00c4lteren sind, die \u00fcber das Kreuz mit dem Kreuz klagen. Auch 68 Prozent der Zehn- bis Sechszehnj\u00e4hrigen haben heute bereits R\u00fcckenprobleme. Noch vor wenigen Jahren w\u00e4re das unvorstellbar gewesen, ebenso wie die Tatsache, dass die Zahl der R\u00fcckenerkrankungen \u00fcberhaupt stetig ansteigt, etwa 25 Prozent allein in den letzten 10 Jahren. Keine andere Zivilisationskrankheit, von den Folgen des Bluthochdrucks abgesehen, hat unterdessen derartige Ausma\u00dfe erreicht. Schier un\u00fcbersehbar sind die volkswirtschaftlichen Auswirkungen.<\/p>\n<p>23 Milliarden j\u00e4hrlich kosten die Behandlungen, Tendenz steigend. Nicht zu reden von den 27 Milliarden Euro Kosten, die durch r\u00fcckenbedingte Arbeitsunf\u00e4higkeit anfallen. Auch von daher ist es h\u00f6chste Zeit umzudenken, in der Medizin wie in der Gesundheitspolitik.\u2028\u2028Wo und wann immer R\u00fcckenschmerzen auftreten, bedarf es einer ganzheitlichen Analyse und eines Behandlungskonzepts von \u201eleicht nach schwer\u201c.<\/p>\n<p>Gefordert ist zuerst das solidarische und multidisziplin\u00e4re Zusammenwirken von Hausarzt, Krankengymnasten, Osteopathen, Manual- und Sporttherapeuten, Naturheilkundlern und Therapeuten psychischer Disziplinen. Erst danach ist der invasive Ansatz zu w\u00e4hlen, seien es Injektionen, Mikrotherapie oder Operation. Doch auch das w\u00e4re noch nicht genug. Dazukommen m\u00fcssen vorbeugende Ma\u00dfnahmen, nationale Vorsorgeprogramme mit Fitnesskampagnen und einer Aufkl\u00e4rung, die schon bei den Kindern in den Schulen ansetzt.<\/p>\n<p>Der R\u00fcckenschmerz muss nicht l\u00e4nger der Preis f\u00fcr den gl\u00fccklich errungenen Fortschritt sein. Nicht, wenn wir die Errungenschaften der Zivilisation von der Philosophie bis zur Technik \u2013 all das, was wir der tragenden Kraft unseres R\u00fcckens verdanken &#8211; zu einem Netzwerk ganzheitlicher Medizin zu verbinden, mit Schulmedizin und Naturheilkunde, mit Herz und High-Tech. Der aufrechte Gang sollte uns das wert sein. Unser R\u00fccken hat es verdient.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietrich Gr\u00f6nemeyer<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Kreuz mit dem Kreuz.\u00a0Der R\u00fccken ist mehr als ein K\u00f6rperteil. Keiner weiss das besser, als der ber\u00fchmte Mediziner Prof. Dr. Dietrich Gr\u00f6nemeyer.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":15308,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[27],"tags":[4373,4372,4298],"class_list":["post-15309","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-wissen","tag-groenemeyer-institut","tag-groenemeyer-medical","tag-prof-dr-dietrich-groenemeyer"],"publishpress_future_action":{"enabled":false,"date":"2026-04-22 21:19:30","action":"change-status","newStatus":"draft","terms":[],"taxonomy":"category","extraData":[]},"publishpress_future_workflow_manual_trigger":{"enabledWorkflows":[]},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15309","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=15309"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15309\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":54140,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/15309\/revisions\/54140"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media\/15308"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=15309"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=15309"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=15309"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}