{"id":12449,"date":"2019-07-14T12:45:44","date_gmt":"2019-07-14T10:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/192.168.10.16\/newsportal\/stadtzeitung\/index.php\/2017\/01\/14\/querschnittgelaehmter-markus-holubek-kann-wieder-gehen\/"},"modified":"2022-01-28T15:30:57","modified_gmt":"2022-01-28T14:30:57","slug":"querschnittgelaehmter-markus-holubek-kann-wieder-gehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.die-stadtzeitung.de\/index.php\/2019\/07\/14\/querschnittgelaehmter-markus-holubek-kann-wieder-gehen\/","title":{"rendered":"Querschnittgel\u00e4hmter Markus Holubek kann wieder gehen&#8230;"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_45831\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 775px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-45831\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/Markus-Holubek_Training-2.jpeg\" alt=\"\" width=\"765\" height=\"762\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Markus Holubek: Eiserner Wille und hartes Training brachten ihn wieder auf die Beine &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Ein wundersch\u00f6ner Wintertag im Jahr 2007 sollte sein Leben f\u00fcr Immer ver\u00e4ndern. RTL-Reporter Markus Holubek, ein ausgezeichneter Skifahrer, ging beim \u201eWei\u00dfen Ring\u201c, dem schwersten und l\u00e4ngsten Skirennen f\u00fcr Amateure am Arlberg (\u00d6sterreich) an den Start. Seine zweite Teilnahme an diesem H\u00f6llenritt. Doch diesmal wollte der Sport begeisterte Fernseh-Mann noch ein paar Pl\u00e4tze weiter vorne landen und gab kr\u00e4ftig Gas. Bei einem Sprung versch\u00e4tzte er sich total, er landete sechs Meter tiefer auf eine Eisplatte und st\u00fcrzte schwer.<\/p>\n<p>Markus Holubek rutschte die steile Piste hinunter. Als er schlie\u00dflich zu sich kam, stellte er fest, dass sein rechtes Handgelenk total zertr\u00fcmmert war. Doch noch viel schlimmer waren seine Schmerzen im R\u00fccken. \u201eEinfach nur abartig, als wenn dort ein Harakiri-Dolch kreisen w\u00fcrde\u201c, beschrieb Markus Holubek seine Qualen. \u201eIch bin querschnittgel\u00e4hmt\u201c, schoss es ihm durch den Kopf.<\/p>\n<p>Die Untersuchungen im Krankenhaus brachten die traurige Gewissheit: Der erste Lendenwirbel unterhalb der Rippenb\u00f6gen war durch die Wucht des Aufpralls regelrecht zerplatzt. Dadurch war ein St\u00fcck des Wirbelknochens in den R\u00fcckenmarkskanal eingedrungen und hatte 95 Prozent der Nervenbahnen zerquetscht oder durchtrennt.<\/p>\n<p>Nur f\u00fcnf Prozent der Nerven waren unverletzt geblieben. Diese f\u00fcnf Prozent machen aber mit den Unterschied zwischen einer inkompletten oder einer kompletten Querschnittl\u00e4hmung aus. Eigentlich eine Horror-Diagnose. Nicht f\u00fcr Markus Holubek&#8230;<\/p>\n<div id=\"attachment_45832\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 426px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-45832 \" src=\"\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/images.jpeg\" alt=\"\" width=\"416\" height=\"244\" \/><span class=\"wp-caption-text\">Marcus Holubek beim t\u00e4glichen Training &#8211; \u00a9 privat<\/span><\/div>\n<p>Er harderte nicht mit dem Schicksal, sondern \u00e4rgerte sich nur tierisch \u00fcber sich selbst: \u201eImmer wieder lief mein Fehler vor meinen Augen ab. Was war ich doch f\u00fcr ein Vollidiot. Wie konnte ich nur so viel Gas geben und ein solches Risiko eingehen \u2013 und als Amateursportler, Selbst\u00e4ndiger und Familienvater.\u201c<\/p>\n<h4>Nie ans Aufgeben gedacht<\/h4>\n<p>Markus Holubek dachte nicht eine Sekunde ans Aufgeben. Er ist ein K\u00e4mpfer, er hatte sich selbst die Suppe eingebrockt, also begann er auch gleich mit dem Ausl\u00f6ffeln. Noch im Krankenhaus fing er damit an, seine Arm-, Bauch- und Oberschenkel-Muskeln zu trainieren. Sie mussten jetzt f\u00fcr andere Muskelpartien einspringen. Nach vier Monaten verlie\u00df Markus Holubek die Klinik, nach acht Monaten gab er den geliehenen Rollstuhl zur\u00fcck. Er konnte wieder auf eigenen F\u00fcssen stehen, obwohl er diese und die Unterschenkel gar nicht sp\u00fcrt.<\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eMeine Bauchmuskeln haben die Arbeit f\u00fcr meine Po-Muskulatur \u00fcbernommen, meine Oberschenkelmuskeln den Job der Unterschenkel. Viele halten es f\u00fcr ein Wunder, dass ich wieder gehen kann, aber es ist kein Wunder. Dahinter stecken f\u00fcnf Jahre harte Arbeit und positives Denken. Ob man es mir glaubt oder nicht: Es waren die f\u00fcnf geilsten Jahre meines Lebens.\u201c<\/p>\n<p>Der geb\u00fcrtige Bonner ist nach wie vor gehandicapt und er wird es auch immer bleiben. Er kann zwar wieder gehen, aber er kann nicht laufen. Trotzdem nimmt er wieder an Triathlon-Wettbewerben teil oder am \u201eBraveheart-Battle\u201c in M\u00fcnnerstadt (Bayern), einem 24 Kilometer langen Extremlauf mit 45 Hindernissen. Markus Holubek: \u201eIch war hinterher total platt, mein Akku war leer und meine Trinkflaschen auch und dann hatte der Veranstalter schon die zweite Verpflegestelle abgebaut, weil man wohl nicht mehr mit mir gerechnet hat. Aber ich bin nicht Letzter geworden. Und immerhin sind \u00fcber 100 Starter schon vor dem Ziel ausgestiegen.\u201c<\/p>\n<p>Manchmal tr\u00e4umt Markus Holubek noch von Siegen und vorderen Pl\u00e4tzen beim Triathlon oder bei Skilaufen, wie es fr\u00fcher fast der Normalfall war. Doch er weiss ganz genau, dass bei seiner Vorgeschichte ein Platz unter den letzten 10 oder 20 gesunden Teilnehmern ein weitaus gr\u00f6\u00dferer Erfolg f\u00fcr ihn ist, als fr\u00fcher ein Platz auf dem Treppchen.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst hat Markus Holubek seinen Job als TV-Reporter und -Produzent an den Nagel geh\u00e4ngt. Seine Berufung ist es es jetzt, anderen inkompletten Querschnittgel\u00e4hmten als Mentaltrainer und Therapeut wieder auf die Beine zu helfen. Bei 15 Prozent seiner Patienten hat er das bislang geschafft&#8230;<\/p>\n<h4><span style=\"font-size: 14pt;\">\u201cOft f\u00fchren die kleinen Schritte zum Ziel&#8230;\u201d<\/span><\/h4>\n<p>Wunder kann auch Markus Holubek(51) nicht vollbringen. Peter Pionke unterhielt sich mit dem Therapeuten aus Leidenschaft, der sein Schicksal meisterte und jetzt anden Querschnittsgel\u00e4hmten hilft.<\/p>\n<p><strong>DS: Woher haben Sie damals die Willenskraft genommen, als Sie realisiert haben, querschnittsgel\u00e4hmt zu sein, aber sich damit nicht abfinden zu wollen?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eDas liegt an meiner Pers\u00f6nlichkeitsstruktur: Ich gebe einfach nicht auf. Und wenn mir jemand die Diagnose stellt, \u201aDu kannst Deine Situation nicht mehr verbessern\u2018, dann gebe ich erst recht nicht auf. Ich trage ja auch Verantwortung f\u00fcr meine Familie, da kann ich nicht einfach sagen, ich bleibe jetzt im Bett liegen, Du bist ja kein leistungsf\u00e4higer Mensch mehr. Es waren erst kleine Schritte, aber jeder Schritt hat mir neue Hoffnung gegeben.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wann haben Sie realisiert, dass Ihnen f\u00fcr immer der Rollstuhl drohen k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eDas habe ich sofort realisiert, als ich wieder zu mir kam. Wenn man vom Bauchnabel abw\u00e4rts nichts mehr sp\u00fcrt, kann man selbst ganz schnell die Diagnose stellen: Das ist eine Querschnittsl\u00e4hmung.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Wer hat Ihnen in der schwierigsten Phase zur Seite gestanden und Ihnen die Kraft gegeben?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eZuerst ich, dann ich und dann wieder ich! Die Anderen musste ausgerechnet ich tr\u00f6sten. Mein Vater ist am Telefon zusammengebrochen. Alle Anderen kamen mit ersch\u00fctterten Gesichtern ins Krankenzimmer und versuchten krampfhaft gute Laune zu verbreiten. Aber im Endeffekt musst Du als Betroffener die Leute noch in den Arm nehmen und aufbauen.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Sie k\u00f6nnen wieder laufen, wo m\u00fcssen Sie Kompromisse eingehen?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eIch kann nicht mehr joggen, und ich kann nichts mehr aus 2,50m hohen Regalen herausnehmen, weil ich mich nicht mehr auf die Zehenspitzen stellen kann.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Als Coach und Therapeut geben Sie jetzt Ihr Wissen und Ihre Erfahrungen weiter. Wie machen sie das? Sie sind ja nicht Jesus und k\u00f6nnen nicht sagen: Wirf Deine Kr\u00fccken weg und geh&#8230;?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eOft stelle ich fest, dass die Leute v\u00f6llig falsch therapiert wurden. Dann rate ich ihnen, den Beipackzettel der Medikamente zu lesen, die sie nehmen sollen. Fast alle gehbehinderten Menschen bekommen Medikamente verschrieben, die im Beipackzettel schon stehen haben: \u201aDu wirst nicht mehr laufen\u2018. Die Nebenwirkungen der Medikamente gegen das Zittern in den Beinen oder bei Antidepressiva und Schmerzmitteln beeintr\u00e4chtigen enorm die st\u00e4rkste Medizin, die der K\u00f6rper selbst produziert, n\u00e4mlich die Selbstheilungsmechanismen. Wenn ich etwas nicht sp\u00fcre, dann wei\u00df ich, es funktioniert nicht: Wenn ich aber merke, mein Fu\u00df brennt, dann wei\u00df ich, das ist mein Fu\u00df.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Bei welchen F\u00e4llen k\u00f6nnen auch Sie nicht mehr helfen?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eBei Patienten mit kompletter Querschnittsl\u00e4hmung, bei denen also alle Nervenstr\u00e4nge im R\u00fcckenmark durchtrennt sind, die gar keine Spastik mehr haben, muss ich leider passen. Ich konzentriere mich auf die Patienten, die das Potential haben, neue Ziele und Bereiche der Mobilit\u00e4t zu erreichen.\u201c<\/p>\n<div id=\"attachment_45834\" class=\"wp-caption alignnone\" style=\"max-width: 325px;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-45834\" src=\"\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/51JckGVjQHL.jpeg\" alt=\"\" width=\"315\" height=\"500\" \/><span class=\"wp-caption-text\">&#8222;Gel\u00e4hmt sind wir nur im Kopf&#8220;, das Buch, das Markus Holubek \u00fcber sich und sein Schicksal geschrieben hat &#8211; \u00a9 S\u00fcdwest Verlag<\/span><\/div>\n<p><strong>DS: Ist die hohe Erwartungshaltung der Patienten nicht auch eine psychische Belastung f\u00fcr Sie?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eIch verspreche den Leuten ja nicht, dass sei alle Ziele, die sie sich selbst gesetzt haben, erreichen werden. Ich sage ihnen nur zu, dass sie kurzfristig einige Ziele erreichen werden, die ihnen das Leben als Behinderte erleichtern. Erste Schritte dauern manchmal Monate und Jahre. Wenn ich ihnen beispielsweise beibringe, allein das Bett zu verlassen, ist das ein ganz wichtiger Fortschritt. Ich behandele eine alte Dame, die nicht mehr im Altenheim leben wollte, sondern wieder in der eigenen Wohnung. Sie kann jetzt wieder alleine auf die Toilette gehen. Das ist f\u00fcr sie eine enorme Erleichterung, das hat aber ein halbes Jahr gedauert.\u201c<\/p>\n<p><strong>DS: Erfolg ist relativ. Wie vermitteln Sie, das der eine oder andere kleine Fortschritt unterm dem Strich einen gro\u00dfen Erfolg darstellt?<\/strong><\/p>\n<p>Markus Holubek: \u201eNat\u00fcrlich wollen Alle wieder ganz normal laufen k\u00f6nnen. Aber oft kann es zun\u00e4chst nur um eine Verbesserung der Lebensqualit\u00e4t gehen. Beispielsweise meine 62j\u00e4hrige Patientin aus der Pfalz. Die kam nicht mehr alleine aus dem Bett. Wir haben intensiv gearbeitet, und dann sind wir mit dem Rollator zum B\u00e4cker gegangen: 1,6 km hin, 1,6 km zur\u00fcck. Sie fragte mich: Kann ich irgendwann wieder laufen? Da habe ich gesagt: \u201eDu hast jetzt 3,2 Kilometer mit Rollator zur\u00fcckgelegt. Brauchst Du noch einen gr\u00f6\u00dferen Beweis?. Als Patient ben\u00f6tigt man Ausdauer, Geduld und man muss auch R\u00fcckschl\u00e4ge wegstecken.\u201c (www.markusholubek.de)<\/p>\n<p><strong>DS: Vielen Dank f\u00fcr das offene Gespr\u00e4ch.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Text &amp; Interview: Peter Pionke<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Markus Holubek nahm sein Schicksal in\u00a0beide H\u00e4nde \u2013 und kann wieder laufen. 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