21. April 2020

Spontanhelfende in der Corona-Krise schützen

Die derzeitige Situation rund um das Corona-Virus ist auch mit dem Wunsch vieler verbunden, zu helfen, wo man nur helfen kann. Aber: Wer hilft, muss entsprechend vor der Ansteckung mit dem Virus geschützt sein. An diesem Punkt kommt Marina Bier, Sicherheitstechnikerin an der Bergischen Universität Wuppertal, ins Spiel. Sie leitet ein Projekt, in dem Handlungshilfen für den sicheren Einsatz von sogenannten Spontanhelfenden entwickelt werden.

Marina Bier ©
Foto UniService Transfer

Zu ihrem Fach Sicherheitstechnik in Wuppertal kam die gebürtige Düsseldorferin über die Sommeruni, die die Bergische Uni jedes Jahr veranstaltet.

Sie unterstützt Mädchen dabei, ihr Interesse für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik zu entdecken. Und auch eine kurze Hospitation im Bereich Arbeitsschutz führt schließlich zu der klaren Studienentscheidung für Wuppertal.

Schon im Bachelorstudium kommt die engagierte Studentin mit dem Fachgebiet Arbeitssicherheit in Kontakt und arbeitet als studentische Hilfskraft mit. „Da habe ich an einem Arbeitsschutzprojekt für die Bundeswehr mitgearbeitet“, erzählt sie, „und bekam dann während des Masters auch schon das Angebot, nach Abschluss des Studiums über ein neues Projekt hier weiter zu arbeiten.“

WuKAS, eine perfekte Kombi aus Bevölkerungs- und Arbeitsschutz

„Das ist das Schöne an der Sicherheitstechnik“, schwärmt sie, „dass man auch fachlich sehr spannende Schnittstellen zu anderen Themenfeldern rund um die Risikoproblematik integrieren kann.“ Das neue, auf zwei Jahre angelegte Projekt ist so eine Schnittstelle mit der Möglichkeit, die Inhalte für eine Promotion zu nutzen.

WuKAS (Wissens- und Kompetenzvermittlung im Arbeitsschutz bei Spontanhelfenden) ist der Kurztitel des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projektes, in dem die junge Wissenschaftlerin arbeitet.

„Ich plane in Zusammenarbeit mit unserem Projektpartner, dem Malteser Hilfsdienst, die Vorgehensweise des Projektes, erarbeite fachliche Inhalte und koordiniere die Arbeiten der beiden wissenschaftlichen Hilfskräfte. Das ist meine Hauptaufgabe“, beschreibt sie ihre Tätigkeit als Wissenschaftliche Mitarbeiterin, mit der auch die Unterstützung bei Lehrveranstaltungen und die Betreuung von Hausarbeiten verbunden ist.

Im Rahmen dieses Projektes hat Bier nun Handlungshilfen für Spontanhelfende in der Corona-Krise erarbeitet. „Spontanhelfende sind ganz normale Leute aus der Bevölkerung“, erklärt sie, „also jeder gemeinnützige Helfer, der keinen ,Blaulicht‘-Hintergrund hat, also nicht bei Feuerwehr, THW oder Hilfsorganisationen tätig ist.“

Bei der Hochwasserkatastrophe 2013 wurde das Phänomen „Spontanhelfende“ besonders deutlich. Viele Spontanhelfende koordinierten sich über soziale Medien und halfen ohne Fachkenntnisse oder Arbeitsstruktur bei der Bewältigung der Katastrophe.

Bei WuKAS geht es darum, „dass wir uns mit der Fragestellung beschäftigen, wie schütze ich tausende von Leuten, die keine ,Blaulicht‘-Ausbildung haben?“ Nicht selten kommen diese Helfer*innen aufgrund ihrer Unerfahrenheit in gefährliche Situationen und seien sich der Konsequenzen in keiner Weise bewusst, betont Bier.

„In unserem Projekt versuchen wir den Spontanhelfenden durch Wissen aufzuzeigen, wie man sich richtig verhält und geben den Einsatzkräften gleichzeitig eine Rechtssicherheit in Haftungsfragen.“ Die meisten vorherigen Projekte mit Spontanhelfenden beschäftigten sich mit der Organisation und Koordination bei Gefährdungslagen, nicht aber mit konkreten arbeitsschutzspezifischen Fragestellungen vor Ort.

„Was machen Führungskräfte vor Ort, die auf einmal hunderte Leute haben, die sie selbst nicht kennen? Die müssen entscheiden können, ob sie diese Leute einsetzen können oder wo sie sie nicht einsetzen dürfen. Diesen Organisations- und Führungskräften wollen wir Entscheidungssicherheit geben“, sagt sie bestimmt. Spontanhelfende dürfen von Einsatzkräften nicht als Störende oder gar als Gefahr empfunden werden.

Es gebe auch in Bezug auf die Corona-Krise Lagen, in denen man diese Unterstützung brauche, die aber nur genutzt werden könne, wenn ausgebildete Einsatzkräfte als Spezialisten fungierten.

Das Schöne in einer schlimmen Situation

„Wir haben so viele Risikogruppen, also Leute mit Vorerkrankungen, die anfällig für das Virus wären oder schwere Verläufe hätten“, sagt Bier „das können Hilfsorganisationen gar nicht alleine stemmen.“ An dieser Stelle können Spontanhelfende viel bewirken. „Im Moment ist eine schöne Bewegung zu sehen, und zwar, dass sich überall in den Städten sogenannte Nachbarschaftshilfen formiert haben, die mit Aushängen darauf aufmerksam machen, dass sie für Menschen einkaufen gehen oder den Hund Gassi führen würden.“

Egal ob man es Solidarität oder einfach Nächstenliebe nennt, beim Ausmaß dieser Pandemie ist jede helfende Hand gefragt. „Man will ja diese Solidarität in der Gesellschaft, man spricht da auch von einer sogenannten Resilienz. Man will dafür sorgen, dass die Bevölkerung sich auch selbst helfen kann, dass sie in so einer Krise stark ist, und das wollen wir durch solche Handlungshilfen, die wir erstellt haben, vermitteln.“

Welche Handlungshilfen im Coronafall gibt es?

Es gibt zwei Arten von Handlungshilfen. Zum einen gibt es Handlungshilfen, die den Spontanhelfenden allgemeine Hilfen und Hinweise zum Einkaufengehen oder beim Ausführen fremder Hunde geben. Zum anderen gibt es eine Handlungshilfe die Organisationen unterstützen soll, an sicherheitsrelevante Aspekte beim Einsatz von den Spontanhelfenden zu denken.

Die Unterweisung von Spontanhelfenden durch die Organisationen sei extrem wichtig, betont die Wissenschaftlerin. „Informiert eure Spontanhelfenden und registriert die Leute, damit ihr wisst, wer wo war“, fordert sie. „Spontanhelfende sind meistens, weil sie fürs Gemeinwohl arbeiten, sozialversichert.

Also wenn sie für Organisationen oder für Gemeinden arbeiten, fallen sie unter die Sozialversicherung. Um das hinterher den Unfallkassen glaubwürdig zu machen, hilft es den Spontanhelfenden, wenn sie registriert wurden. In den Leitfäden sagen wir auch, achtet auf die PSNV, also Psychosoziale Notfallversorgung.“ Es müsse Einsatzkräften deutlich gemacht werden, dass Spontanhelfende Laien seien, die über keinerlei Vorkenntnisse und Strukturen verfügen.

Für Unterstützende beim Einkauf oder Gassigehen heißt das konkret: „Schüttelt euch keine Hände und haltet den zwei Meter Abstand ein.“ Und auch das sollten Helfende bedenken: „Wir raten möglichst nur einem Haushalt zu helfen, da Spontanhelfende ansonsten im schlimmsten Fall das Virus verbreiten.“

Am Beispiel eines fremden Hundes sollte der*die Helfer*in folgende Fragen vorab klären: Was benötigt der Hund? Wie ist sein Sozialverhalten? Hat er einen Jagdtrieb? Beißt er vielleicht? All diese Fragen dienten letztendlich dem Schutz des Helfenden, der mit einem fremden Tier auf einmal auf sich allein gestellt ist.

Viele Möglichkeiten für engagierte Bürger*innen

Engagierte Bürger*innen können sich vielfältig betätigen. Viele helfende Gruppen entstünden automatisch, sagt Bier. „Es gibt in fast jeder Stadt Gruppen zur Nachbarschaftshilfe, oft Facebook-Gruppen, es gibt Apps, bundesweit gibt es beispielsweise die ,Quarantäne-Helden‘ oder die ,Einkaufshelden‘, eine Initiative der Jungen Union Deutschland.

Auch Städte bzw. Gemeinden, Hilfsorganisationen oder Diakonien bieten häufig solche Hilfe an. Da gibt es viele unterschiedliche Gruppen. Online findet man am schnellsten etwas, um sich zu engagieren.“

Die Handlungshilfen für Organisationen und Einzelhelfende finden sich alle auf der Homepage der Sicherheitstechnik www.arbsi.uni-wuppertal.de/de/handlungshilfen-covid19.html und können gerne genutzt werden. Die Hilfsangebote können zudem auch über den Hashtag #sicherhelfen in den sozialen Medien geteilt werden.

UWE BLASS

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