4. März 2020

Wuppertaler Fan-Projekt sieht pauschale Verurteilung

Der deutsche Fußball steht in der Debatte um Fan-Proteste gegen den DFB und Schmähungen von Dietmar Hopp vor einer schwierigen Aufgabe. Experten sehen in den Transparente das neueste Kapitel eines Kulturkampfes, in dem die Person Hopp zu einer Symbolfigur wurde.

Thomas Lükewille (3. v.l.) © Siegfried Jähne

 

Das Wuppertaler Fan-Projekt hat zu den Protesten der Fans eine dezidierte Meinung: „Sie sind nur ein Teil der langen Auseinandersetzung der Ultras, die dem Fußball-Establishment den Ausverkauf ihres geliebten Sports vorwerfen“ weiß der Wuppertaler Thomas Lükewille (35) vom Fanprojekt Wuppertal, das seinen Treffpunkt an der Elberfelder Wiesenstrasse 118 hat und sich insbesondere an die Fans des Wuppertaler SV richtet.

Der Sozialarbeiter kritisiert im Gespräch mit der Stadtzeitung insbesondere, dass immer erst reagiert wird, wenn die Fans sich krass äußern. Die Fanprojekte warnen danach vor einer erneutet Sackgasse und raten zu konstruktiven Gesprächen. So verwerflich die Schmähungen seien, nun aber ganze Fangruppen aufgrund von Beleidigungshandlungen Einzelner pauschal zu verurteilen, auszuschließen und zum Sündenbock für jegliche Diskriminierung in Stadien machen zu wollen, sei nicht nachvollziehbar.

Lükewille ist Teamleiter des vom Deutschen Fußball-Bund, dem Land NRW und der Stadt geförderten „Fanprojekt Wuppertal“, das sich als Jugendhilfe versteht und sich in Trägerschaft der Wichernhaus Wuppertal gemeinnützigen GmbH befindet.

Der Sozialarbeiter, der sich von Berufswegen mit der Fan-Bewegung vor allem im Fußball auseinandersetzt, hat mit seinem Team auch schon in der Vergangenheit für Aufmerksamkeit gesorgt. So, als er zuletzt mit einem „Hör-Fußballspiel“ von Michael Uhl im Stadion am Zoo das Aufeinandertreffen des WSV gegen Bayern München aus dem Jahr 1972 wieder aufleben ließ.

 

„Forever pure“

 

Ungemein eindrucksvoll und anschaulich auch der Dokumentarfilm „Forever pure“, den man in der vertiefenden Fanarbeit einsetzt. In dem  israelisch-englischen Dokumentarfilm aus dem Jahre 2016 geht es um Beitar Jerusalem, dem populärsten Fußball-Club Israels. Dieser ist seit seiner Gründung 1936 für seine Philosophie der jüdischen Reinheit bekannt und dafür, keine Araber im Team zu dulden.

Mehr noch: Seine Fans bekennen sich in ihrem Gesang offen zum Rassismus „We are the most racist than in the country“, skandieren sie. Beitar-Kapitän A. Harush verwies dort in einem Interview darauf, dass Jerusalem die Heiligste City in der Welt sei und unterstrich die religiöse Bedeutung seines Vereins. Zur Überraschung vieler engagierte der Besitzer von Beitar Jerusalem, ein russisch-israelische Oligarch und Milliardär namens Arcadi Gaydamak, mitten in der Saison 2012/13 zwei muslimische Tschetschenen. 

„Forever Pure“ ist die Geschichte einer turbulenten Fußballsaison, vor allem aber eine Auseinandersetzung mit der israelischen Gesellschaft. Die israelische Filmemacherin und Journalistin Maya Zinshtein gewährt mit ihrem Dokumentarfilm  eindrucksvolle  Einblicke in eine Fußballsaison, in der die islamfeindliche und rechtsextreme Fangruppierung ‚La Familia‘ den eigenen Club Beitar Jerusalem <nach dem Einsatz der arabischen Spieler beinahe in den sportlichen Ruin treibt.

„War“ (Krieg) skandieren die Fans lautstark aus den Zuschauerreihen, verlangen den Ausschluss der „Araber“ und verweigern dem Team unter erniedrigenden Beleidigungen jegliche Unterstützung, die in einem offenen Zuschauer-Boykott gipfelten und die Tribünen schließlich leer bleiben ließen.

 

Fehlende Bindung zum Fußball

 

Die Frage „warum das?“ beschäftigte die Besucher nach dem Studium dieses Dokumentarfilmes. Eine eindeutige Antwort auf das provokante Geschehen konnte indes auch Thomas Lükewille nicht liefern, obwohl der Wuppertaler „Fanprojekt Beauftragte“ mit der mehrfach ausgezeichneten israelischen Autorin Maya Zinshtein einen sehr guten persönlichen Kontakt pflegt.

Die Frage „Why“ beantworte der russisch-israelische Oligarch und Besitzer von Beitar Arcadi Gaydamak  indessen selbst so: „Ich nahm an, dass es eine Reaktion geben würde. Die Show zeigt der Gesellschaft, was wirklich ist und zeigt ihr wahres Gesicht.“ 

Beobachter sahen noch einen anderen Aspekt. Schließlich war der Club-Besitzer in seinem Bemühen, Bürgermeister von Jerusalem zu werden, auch deshalb krachend  wegen fehlender Bindung zum Fußball selbst scheiterte und weil die politische Unterstützung aus den Reihen von Beitar Jerusalem versagt blieb.

Bei der Bürgermeisterwahl in Jerusalem am 11. November 2008 war er mit 3,6 % der Stimmen nur auf den dritten Platz gekommen. Man muss wissen, dass sich Israels Elite mit  Ministerpräsident Benjamin Netanjahu oder dem ehemalige Außenminister Avigdor Lieberman bei Beitar Jerusalem die Klinke in die Hand gibt und die Nähe zu den Fans suchen. Also auch ein politischer Racheakt des Gescheiterten?

Besucher interessierten sich für das Schicksal der Film-Autorin, die vorwiegend in London lebt. Hier konnte Thomas Lükewille berichten, dass sie deeskalierend gewirkt habe, als sie im Vorfeld auf die Kritiker einging und Änderungen ihrer Dokumentation angeboten habe, wenn sie einen falschen Eindruck vermittelt hätte.

Die aber hatten lediglich darauf verwiesen, dass die Club-Philosophie eine längere Tradition habe, als die Ursprungsfassung des Dokumentarfilmes vermittelt hätte, was letztendlich von ihr abgeändert wurde.

Sie hat ein Dokumentarfilm geschaffen, der in der Tat eindrucksvolle Anregungen für vertiefende Betrachtung über den Tag hinaus liefert. www.wuppertaler-fanprojekt.de

Text: Siegfried Jähne

 

Zur Person:

Arcadi Gaydamak

Im Alter von 20 Jahren durfte er, eine der filmischen Hauptpersonen (Jahrgang 1952) – während der Regierungszeit Breschnews –, als einer der ersten Juden offiziell nach Israel auswandern. Dort lebte er sechs Monate in einem Kibbuz, ehe er als Matrose anheuerte und 1973 nach Frankreich reiste, wo er bis Dezember 2000 lebte.

In Frankreich arbeitete er zunächst als Maurer und Gärtner und eröffnete 1976 das russisch-französische Übersetzungsbüro „Gaydamak Translations“ in der Nähe von Paris. Er kümmerte sich fortan um russische Abgesandte bzw. um russische Wirtschaftsdelegationen und knüpfte so Kontakte zu großen namhaften französischen Konzernen. Zehn Jahre später eröffnete er eine Zweigstelle seines Übersetzungsbüros in Kanada und konzentrierte sich vermehrt auf lukrativere Im- und Exportgeschäfte mit der damaligen Sowjetunion sowie anderen ehemals sozialistischen Bruderstaaten.

Durch diverse Börsenspekulationen und undurchsichtigen Waffen-und Ölgeschäfte wurde er ein wohlhabender Mann. Ein Pariser Gericht befand ihn in erster Instanz schuldig, zusammen mit dem französisch-angolanischen Geschäftsmann Pierre Falcone Militärbestände ehemaliger Ostblockstaaten aufgekauft und von 1993 bis 1998 für schätzungsweise 790 Millionen Dollar nach Angola, das Land im Südwesten Afrikas geliefert zu haben, wo in einem Bürgerkrieg schätzungsweise 500.000 Menschen im Bürgerkrieg ums Leben kamen, 2,5 Millionen wurden vertrieben.

Wegen seiner Beteiligung an diesem Waffendeal, sowie ausstehenden Steuerschulden von 80 Millionen Euro wurde Gaydamak seitdem in Frankreich polizeilich gesucht; seit 2000 sogar mit internationalem Haftbefehl, nachdem er zu sechs Jahren Haft verurteilt worden war. Daraufhin floh Gaydamak im Dezember 2000 aus seiner Wahlheimat Frankreich, ließ seine Frau und seine beiden Töchter zurück und zog nach Israel.

In einem Berufungsprozess 2011 wurde die sechsjährige Haftstrafe für den untergetauchten Gaydamak um die Hälfte reduziert, ausgeliefert hatten ihn die Israelis nicht. Für die Regierung Angolas fungierte er als Berater.

Er war Sponsor der Basketballmannschaft Hapoel Jerusalem. Einen Monat später spendete er dem in Israel spielenden arabischen Fußballverein FC Bnei Sachnin 400.000 US-Dollar. Tage darauf gab Gaydamak bekannt, den Fußballclub Beitar Jerusalem zu kaufen. Sein Engagement war bei den Fans des Vereines stets sehr umstritten und ist inzwischen beendet.

 

Kommentare

Neuen Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.