3. Februar 2020

Für wen gelten neue Freiheiten – für wen nicht? 

Drei zentrale Begriffe bestimmen das Schauspiel „Atlas“: Zeit, Wir und Delay (Verspätung). Das Stück des mehrfach preisgekrönten Thomas Köck hatte an diesem Wochenende im Theater am Engelsgarten eine vielversprechende Premiere.


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Das Ensemble des Stückes „Atlas“ – © Foto: Uwe Schinkel

 

Auf der Suche nach einem zeithistorischen Stoff, der im 30. Jubiläumsjahr der deutschen Wiedervereinigung und zudem aktuellen Zeitgeist entsprach, wurde Wuppertals Schauspiel-Intendant Thoms Braus fündig.  In der Geschichte „Atlas“ werden Biographien dreier Generationen von Frauen aus Vietnam mit historischen Ereignissen wie dem Schicksal der „Boat people“ und der Deutschen Einigung  mit brennender Aktualität verknüpft.

Autor Thomas Köck verbindet dabei virtuos Bilder von Bootsflüchtlingen oder Wirtschaftsfragen im Gestern und Heute in mitreißenden Perspektiven. 

Es ist eine Geschichte von Arbeitsmigration in den 80er-Jahren, vom Untergang des sozialistischen Staates DDR und von einem Kind, das sich auf dem Weg nach Vietnam macht, um den Weg seiner Vorfahren nachzuzeichnen: Über drei Generationen entfaltet sich eine komplexe Familiengeschichte. 

Das Besondere dabei ist die Dramaturgie. Der Stoff des Autors liest sich eher als ein Gedicht, als einer Story mit klarer Abfolge. Ereignisse überlappen, ja verwischen sich und lassen sich nicht unbedingt einzelnen Personen oder Zeiten zuordnen.

 

Vier begnadete Darsteller*innen

 

Das gab der Inszenierung von Jenke Nordalm dann auch viel Freiheit in den unterschiedlichen Zeitebenen, die sie geschickt zu nutzen verstand. Es stehen Monologe und Thesen im Raum, die Situationen in einer besonderen Erlebnistiefe beschreiben, die dem Zuschauer in schneller Rangfolge präsentiert werden. 

Das Stück kommt mit vier Darstellern aus: In der zentralen Rolle des „Übersetzers“ spiegelt Thomas Braus als Dolmetscher zwischen den Welten eindrucksvoll gleich verschiedene Charaktere wider. Die DDR-Vertragsarbeiterin aus dem Bruderstaat Vietnam wird von Philippine Pachl gespielt, die zurückgekehrte Mutter von Julia Wolff und die am Flughafen suchende Tochter von Julia Meier, allesamt in gewohnt herausragender Manier.

Das Ensemble: Julia Meier (vorne) – dahinter von links: Thomas Braus, Philippine Pachl und Julia Wolff – © Foto: Uwe Schinkel

Fixpunkte sind die Bootsflüchtlinge, die, die es schafften und nicht die – wie viele andere – ertranken. Das Ankommen in einer fremden Gesellschaft mit eigenen Regeln ohne Willkommenskultur. Wer krank oder gar schwanger wurde, musste zurück.

Auch das gesellschaftliche Regelwerk veränderte sich mit erstaunlichen Auswirkungen. Für wen gelten neue Freiheiten, für wen nicht?  Das Gefühl des Fremdseins wird erlebbar. Das Phänomen der Zeit wird nicht nur in der Sprache deutlich. Bilder aus der Vergangenheit werden zu Sinnbildern des Vergessens, des Auslöschens.

 

Wer geht und wer kommt?

 

Die Fragen bleiben: Wer geht und wer kommt, wer darf ankommen, wie viel wert ist ein Leben, wessen Geschichte wird gehört, wer sind wir – und wer sind die anderen? Allzu simple Welterklärungen werden mit den Mitteln der Kunst hinterfragt.

Das Wuppertaler Schauspiel hat den Stoff „Atlas“ als erste Bühne nach der Leipziger Uraufführung 2019 aufgegriffen und zeigte sich lernfähig. 

So war es dann auch kein Zufall, dass neben den vier Hauptakteuren am Ende auch vier Vietnamesen, drei Frauen und ein Mann auf die Bühne traten, um der Aufführung Autorisierung zu verleihen. Mit ihnen und der vietnamesischen Community in Deutschland hatte man bei der Produktion eng zusammengearbeitet, wohl auch, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, an den beteiligten Menschen vorbei zu agieren.

Eine Szene aus dem Stück „Atlas“ – © Foto: Uwe Schinkel

Nicht ohne Grund wurde die Erarbeitung des Stücks von einem Seminar der Bergischen Universität begleitet. Im Anschluss an jede Vorstellung gibt es für das Publikum die Möglichkeit, das Gesehene in einer Nachschau mit den Beteiligten zu besprechen und zu diskutieren. Hier traten dann auch u.a. mehrere vietnamesische Mitbürger auf, die sich –  wie andere Zuschauer auch – durchgängig sehr positiv zu der Wuppertaler Version des Theaterstücks „Atlas“ äußerten.

„Atlas“ dauert 90 Minuten und steht noch bis zum 24. Juni sechsmal auf dem Programm. 

Text: Siegfried Jähne

 

Werbung für die Wuppertaler Bühnen: (v.l.) Geschäftsführer Dr. Daniel Siekhaus, Opernintendant Berthold Schneider, Generalmusikdirektorin Julia Jones und Schauspielintendant Thomas Braus © Foto: Uwe Schinkel

 


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