30. Mai 2017

BHs Büstenhalter Kolumne Preise Teuer wuppertal

Wenn Unterwäsche fast unbezahlbar wird

Foto: Fotolia.com/anetlanda

Wenn man außerhalb der Durchschnittsgrößen BH’s kaufen will, dann muss man eine Menge Geld lassen. Und weil man keine andere Wahl hat, muss man das akzeptieren. Doch für jemanden, der wenig Geld hat, eine Studentin wie Anja beispielsweise, kann das ein echtes Problem werden.

Wuppertal, 30. Mai 2017. Ist Kleidung ein Luxusgut? Wenn ja, wann? Ab welcher Preisstufe ist ein T-Shirt ein Luxusgut mehr denn einer Notwendigkeit? Und vor allem: welche Kleidung zählt man zur Grundversorgung und welche zu Luxus?

Jedes Mal, wenn Anja einen Unterwäscheladen betritt, denkt sie, dass sie direkt Privatinsolvenz anmelden kann. Denn ihre Körbchengröße ist fernab von der deutschen Durchschnittsfrau. Was das bedeutet? Endlose Frustration vor allem.

Die Ottonormaldeutsche hat eine BH-Größe von 80B. Wenn sie einen BH kauft, kann sie aus verschiedene Preisklassen auswählen. Madonna und H&M verkaufen BHs für 10 bis 15 Euro. Hunkemöller ist das „mittlere Preissegment“, mit 20 bis 35 Euro. Wer das Geld dafür hat und auf Qualität achten will, kann bei den Marken einkaufen, Triumph, Passionata, Freya – da gibt es dann nach oben keine Grenze mehr, je nach Marke und Größe.

Hat man eine ungewöhnliche Körbchengröße, beginnt die Frustration schon im Laden. Alle Hersteller und Einkäufer scheinen davon auszugehen, dass der Unterbrustumfang und das Körbchen Hand in Hand gehen. Ergo: Alle Frauen mit kleinen Körbchen sind immer schmal und dünn, und große Körbchen können ja nur Frauen haben, die kurviger sind. Aber was ist mit den Frauen, die dieser Norm nicht entsprechen? Eine Bekannte hat bei einem A-Körbchen einen Unterbrustumfang von 90 Zentimetern. Im Laden damit einen BH zu finden, ist schwierig.

Bei Anja ist es das andere Extrem: ihre BH-Größe ist 70H. Das heißt, sie hat bei einem sehr schmalen Brustkorb sehr große Körbchen. Wenn man genauer schaut, sind selbst die „Big Cup“-Modelle maximal bis E, wenn man Glück hat bis F. Da fehlen noch ganze zwei Buchstaben. Und wenn es dann ein Modell in ihrem Körbchen gibt, dann meistens nur mit dem Unterbrustumfang 80 und 85. Weil alle Frauen mit „großen Brüsten“ ja scheinbar „dick“ sind. Und wenn sie diese Büstenhalter anprobiert, dann stellt sie fest, dass die Hersteller scheinbar nur das 70A-Modell genommen und in Photoshop vergrößert haben, bevor sie es in die Produktion gaben, weil die Passform ein Witz ist. Mit einer solchen BH-Größe gibt es keine Auswahl. Es gibt nicht die Frage, ob rot oder pink, weiß oder schwarz, hautfarben oder mit oder ohne Rüschen. Es gibt nur die Möglichkeit, dass er passt – und das tut er in den meisten Fällen nicht.

Wenn er denn passt, muss überschlagen werden. Anja ist Studentin – und ein einziger BH in ihrer Größe, der gut passt, kostet so viel wie das Essen für eine Woche, wenn nicht gar zwei. Ein Bikini so viel wie ein ganzer Shopping-Trip bei H&M.

Anja hat ganze zwei Büstenhalter, die ihr passen. Und selbst diese zwei beginnen zu reißen: die Häkchen reißen aus dem Verschluss, die Träger sind ausgeleiert und die Nähte lösen sich. Ganz abgesehen davon, dass gerade über 50 Euro zerreißen, die erst letztes Jahr ausgegeben wurden, kann sie sich einfach keine neuen kaufen, weil sie es sich nicht leisten kann. Wenn sie schon so viel Geld dafür bezahlt, sollte man doch meinen, dass er eine Weile hält, oder?

Um den männlichen Lesern einen Vergleich zu geben: Stellen Sie sich vor, Sie hätten genau zwei Unterhosen im Schrank, die überall Löcher haben und überall an den unangenehmsten Stellen zwicken. Um eine neue Unterhose zu kaufen, müssen Sie zwangsweise zwischen 50 und 100 Euro einplanen.

Anja plädiert für mehr Nachhaltigkeit in der Produktion und dem Verkauf von Büstenhaltern. Frauen mit ungewöhnlichen BH-Größen ist es egal, ob jede Saison neue Modelle verschiedener Marken erscheinen. Es ist ihnen egal, ob diese Saison Leo-Print In ist. Frauen mit Körbchengrößen, die nicht dem Durchschnitt entsprechen, wünschen sich BHs, die bezahlbar sind, die passen und die länger als ein paar Monate halten, bevor sie dem Gewicht nachgeben. Ein Drittel aller Frauen trägt die falsche BH-Größe, Oh Schock! Kein Wunder, wenn viele Frauen bewusst falsche Größen kaufen müssen, weil sie keine andere Wahl haben. Und da es BHs in kleineren Größen für weniger Geld gibt (mit mehr Material daran, wenn man sich die Polsterung ansieht), kann man ihr nicht erzählen, dass das nicht möglich wäre. Man kann ihr nicht erzählen, dass die Produktion eines größeren BHs so viel teurer ist. Es geht nur durch, weil alle Frauen das einfach akzeptieren müssen. Es geht hier nicht um Schönheit oder Stil. Es geht hier um ein Kleidungsstück, das jeden Tag dringendst benötigt wird, weil es sonst schmerzt. Ist Unterwäsche Luxus oder eine Notwendigkeit?
Anja will nicht die Dumping-Löhne in der Kleidungsindustrie fördern. Anja will nur, dass sie sich zu ihrem Geburtstag über etwas anderes als Gutscheine für Herzog&Bräuer freuen kann, weil sie sich ihre BHs selber leisten kann.

Text: Josefine Kramer

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