28. Dezember 2015

Attentat Paris

„Nous sommes unis“

© TTstudio/fotolia.com

Nous sommes unis – wir sind vereint! Dieser Spruch ging nach den Terroranschlägen in Paris am 13. November um die Welt.

Die Wuppertaler Studentin und Stadtzeitungsfotografin Judith Kulinna lebt für sechs Monate in Frankreich. In dem kleinen Ort Tarare in der Nähe von Lyon arbeitet sie als Fremdsprachenassistentin an einer französischen Schule. Ihren Auslandsaufenthalt begann sie neugierig und voller Reiselust – doch seit Freitag, dem 13. November 2015, ist plötzlich alles anders. Der Stadtzeitung erzählt sie von der Stimmung in Frankreich und davon, wie sie die Anschläge auf Paris erlebt hat.

Judith Kulinna: „Ich verbrachte den Abend mit meiner spanischen Mitbewohnerin in einer Bar in Tarare. Auf einer Leinwand lief das Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich, allerdings ohne Ton. Dass in Paris etwas passiert sein musste, erfuhren wir zuerst über das Smartphone meiner Mitbewohnerin“, erinnert sie sich an den Abend. Ein Gast machte den Wirt auf die Geschehnisse aufmerksam, der daraufhin den Ton anstellte. „Wir konnten nicht glauben, was da gerade berichtet wurde. Alle starrten auf die Fernsehbilder und saßen völlig fassungslos auf ihren Stühlen.“

Für ihre Zeit in Frankreich hatte Judith große Reisepläne. „Ich wollte im Dezember für drei Tage nach Paris. Ich habe mich jetzt jedoch bewusst dagegen entschieden“, sagt sie. Es ist weniger die Angst, die sie von Paris fernhält, als vielmehr die Betroffenheit. „Es fühlt sich nicht richtig an, jetzt in die Hauptstadt zu fahren und Sehenswürdigkeiten zu bestaunen, wo dort so viel Grausames passiert ist.“ Judith spürt, dass auch die Menschen in dem kleinen Ort Tarare, rund viereinhalb Autostunden von Paris entfernt, verunsichert sind. In der Schule wurden die Lehrer gebeten, sich mit den Schülern über das Thema Terror und die Anschläge in Paris auseinander zu setzen. Die Schüler malten Bilder zum Gedenken an die Opfer – man sieht den Eifelturm, ein Mädchen mit Tränen in den Augen, das Datum der Anschläge und die französische Flagge. Es wurden Prüfungen verschoben und eine Schweigeminute auf dem Schulhof abgehalten.

„Viele Schüler weinten sogar“, erinnert sich Judith. Sie hat das Gefühl, zum ersten Mal in ihrem Leben direkt mit dem Thema Terrorismus konfrontiert zu werden. „Jeder kennt jemanden, der in Paris wohnt, arbeitet, oder genau am besagten Wochenende dort war. Eine Kommilitonin aus Wuppertal war sogar an dem Abend im Stadion und musste es schlagartig verlassen, und die Cousine einer französischen Kollegin war noch am Vortag auf einem Konzert im Bataclan“, erzählt sie. Terrorismus ist auf einmal verdammt nah und real – nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa.

„In Deutschland ist die Situation ja ähnlich schwierig.“ Jeden Tag verfolgen Judith und ihre Mitbewohnerinnen jetzt die Nachrichten. Auch über die Situation in Deutschland und anderen Ländern wird in den französischen Medien berichtet. Der Fokus jedoch liegt auf Paris und den Ermittlungen zu den Anschlägen. Berichtet wurde zudem über Hausdurchsuchungen in Lyon und Villefranche-sur-Saône, also in Judiths direkter Umgebung. „Gerade in den ersten Tagen nach den Anschlägen waren wir etwas beunruhigt und haben es vermieden, in große Städte zu fahren“, erinnert sich Judith. Doch das Leben muss ja schließlich weitergehen – diese Einstellung teilen viele Franzosen in Judiths Umfeld. Trotzdem spürt sie, dass die Menschen vorsichtiger unterwegs sind und die Augen offen halten. „Plötzlich wurde uns bewusst, wie kostbar das Leben doch ist. Das bringt einen zum Nachdenken.“

Text: Hannah Florian

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