27. Dezember 2015

Jürgen Bartsch Pater Pütz

„Satan im geistlichen Gewand“

Wuppertaler Justiz-Prozesse, die Schlagzeilen machten – der Fall Jürgen Bartsch (2. Teil). Die „Schlüsselfigur“ las ihren Zöglingen Geschichten eines 140-fachen Kindermörders aus dem 15. Jahrhundert vor.

Vier Morde an Jungen hatte der 19-jährige Metzgergeselle Jürgen Bartsch gestanden, als er am 21. Juni 1966 verhaftet wurde. Er hatte seine Opfer im Alter von 8 bis 13 Jahren sexuell missbraucht, sie geschlagen, ermordet und anschließend zerstückelt. „Übersteigerte sexuelle Erregung mit sadistischen Phantasien“ stellte die Staatsanwaltschaft fest. Das Urteil des Wuppertaler Landgerichts „lebenslänglich“ nach dem Erwachsenenstrafrecht, wurde vom Bundesgerichtshof aufgehoben. In einer neuen Verhandlung verurteilte die Jugendstrafkammer des Düsseldorfer Landgerichts Bartsch später zu einer Jugendstrafe von 10 Jahren mit anschließender Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt. Hier starb Jürgen Bartsch 1976 an den Folgen eines Narkosefehlers nach einer Kastrationsoperation, in die er eingewilligt hatte, weil er einen lebenslangen Aufenthalt in der Psychiatrie vermeiden wollte.

Mehr noch als die weitgehend aufgeklärten schrecklichen Tatdetails beschäftigte die Wissenschaft die Frage nach den Hintergründen der Verbrechen. Kein Serienmörder hat sich je so offen zu seinen Taten geäußert, kein Sexualtäter wurde von so vielen Gutachtern untersucht wie Jürgen Bartsch. Bis heute begreifen die meisten Menschen die schrecklichen Taten des Kindermörders Jürgen Bartsch nicht. Schon gar nicht erkennen sie die Natur einer schrecklichen psychischen Krankheit. Psychoanalytiker sind indes der sicheren Überzeugung, dass der Ursprung für seine grausamen Taten in den ersten sechs Jahres einer abscheulichen, pathologischen, fast unbeschreiblich unglücklichen Kindheit liegt. Jürgen Bartsch wurde im Jahre 1946 als nichteheliches Kind in Essen unter dem Namen „Karl-Heinz Sadrozinski geboren.

Seine 22-jährige leibliche Mutter Anna Sadrozinski verstarb kurz nach seiner Geburt an Tuberkulose, sein Erzeuger war ein unverheirateter Bergmann. Der Säugling verbrachte die ersten Monate seines Lebens in einem Kinderheim unter der Obhut von, wie es hieß, häufig überlasteten Krankenschwestern. Als elf Monate altes Kind wurde er von dem kinderlosen Metzgerehepaar Gerhard und Gertrude Bartsch in Velbert-Langenberg aufgenommen und erhielt bei der Adoption 1954 den Namen Jürgen Bartsch. Seine Pflege- und Adoptiveltern isolierten ihn bis zum Schulanfang von anderen Kindern, sperrten ihn in einen Kellerraum mit Kunstlicht und vergitterten Fenstern ein.

Warum? Sie befürchteten, er erführe draußen, dass er nicht ihr leibliches Kind war. Beschrieben wird die Adoptiv-Mutter von dem Angeklagten als Person mit überraschenden Gewaltattacken und Sauberkeitswahn. Das Milieu der Adoptiveltern war amtlich als „hervorragend“ eingestuft worden. Sie hatten den Jungen als Waisenkind aus der seelisch so mageren Welt der Heime geholt. Indes: Sie lieferten ihn dieser Welt aber auch wieder aus! Dies, zu einem Zeitpunkt, als Vater Bartsch sich entschloss, ein zweites Geschäft zu eröffnen. Es sollte später ein Standbein für „seinen Jürgen“ sein.

Mutter Bartsch musste fortan mehr arbeiten, der Junge war im Weg. Im Alter von 10 Jahren kam Bartsch in ein Heim. Da es nach Meinung seiner Eltern dort nicht streng genug zuging, wurde er stattdessen 1958 als knapp zwölfjähriger in das katholische Don-Bosch-Internat Marienhausen, heute ein Stadtteil von Rüdesheim am Rhein, gebracht. In der Umgebung eines ehemaligen Zisterzienserinnen-Klosters erfuhr er dann durch Zufall, dass er ein Adoptivkind war. Über seine drei Internatsjahren urteilte er später im Prozess: „Da wurde ich verdorben“. Hier erlebte er einen durch Personalknappheit noch forcierten Terror der Kinder untereinander, das Regiment der Älteren über die Jüngeren. Dabei stellte Jürgen Bartsch zum ersten Male fest, dass er sich sexuell zu Jungen hingezogen fühlte. Als er einmal während eines Zeltlager hohes Fieber bekam und das Bett hüten musste, nahm ihn sein Erzieher Pater Pütz mit in einen Gasthof in sein Bett und nahm homosexuelle Handlungen an ihm vor- so jedenfalls schilderte Bartsch später auf der Anklagebank die Vorgänge.

Der Seelsorger habe ihn stets vor Frauen gewarnt, Sexualität verteufelt und von der schweren Sünde der Onanie gesprochen, die direkt nach Mord kommen würden. Weil er es in dem Heim nicht mehr ausgehalten hatte, floh er 1960 zweimal aus dem Internat, wurde aber von seinen Eltern wieder dorthin zurückgebracht. Psychoanalytiker beschrieben seine damalige Situation als tiefe Demütigung, Bedrohung, Entmachtung und Ängstigung eines kleinen Jungen, dies auch im Verbund mit sexueller Erregung. Bei seinen Taten erlebte er gleiche Empfindungen – allerdings jetzt nicht mehr in der Opferrolle, sondern diesmal in der des mächtigen Verfolgers. Für das Berufungsgericht Düsseldorf war es wichtig, die Rolle von Pater Gerhard Pütz zu klären. Fünf Jungen sagten vor Gericht aus und bestätigten Bartsch Berichte, sie nannten den Erzieher „Satan im geistlichem Gewand“. Sie berichteten von Brutalität und Sadismus durch die Patres. Von Pater Pütz wurde berichtet, dass er ohne erkennbaren Grund mit Stöcken zuschlug, bis ihm der Schaum aus den Mundwinkeln trat, vor allem während der Proben des Schulchors.

Ein Heimbewohner sagte als Zeuge aus: „Weil ich beim Kirchgang getrödelt habe, drosch Pater Pütz mit einem Spaten auf mein Ohr ein, bis schließlich mein Trommelfell riss. Wir konnten uns nicht wehren, uns hat keiner geglaubt.“ Zu den Besonderheiten sollen neben makabren nächtlichen Geländespielen Vorlesungen aus einem Buch über Gilles de Raus, einem 140fachen Kindermörder aus dem 15. Jahrhundert gehört haben. Außerdem berichteten die Zeugen von schaurigen nächtlichen Entführungsspielen, bei denen Pütz einen Jungen versteckt habe und dessen Mitspieler unwissend so lange suchen ließ, bis sie eine zuvor deponierte Menschenpuppe im Strauchwerk fanden. Sie berichteten auch von der widerlichen, angeblichen Pütz-Praxis, der Pater habe die ihm anvertrauten Jungen gezwungen, Essensreste und zusätzlich Erbrochenes hinunter zu würgen.

Ein betroffener Zeuge berichtete, dass Pütz ihn im Beichtstuhl den Befehl erteilt habe, auf sein Zimmer zu kommen. Hier habe er sich ausziehen und sich makabre Geschichten anhören müssen. Wenn er eingenickt sei, habe ihn der Pater mit dem Kopf gegen die Wand gestoßen. Pater Pütz hatte vor Gericht dann allerdings sein Gedächtnis verlassen, für ihn wurde der Mordprozess zu einem Desaster, er verließ das Gericht mit hochrotem Kopf. Die „Zeit“ schrieb anschließend von einer „apoplektischen Gesichtsfarbe wie rohe Leber“ und nannte dies nicht gerade die Physiognomie eines Unschuldigen. Der Pater selbst sprach von einem ungeheuerlichen Rufmord.

Auch wenn die sexuellen Manipulationen von Pütz in der mündlichen Urteilsverkündung als erwiesen angesehen und von einem verhängnisvollem Leitbild, inklusive einer Gefühlswelt von Hass, Verdammung bis zu Anhänglichkeit und Verehrung durch Jürgen Bartsch die Rede war: Juristisch gesehen behielt Pütz seine weiße Weste. Die Ermittlungen gegen ihn wegen „Unzucht mit Abhängigen“ wurden 1972 eingestellt. Dennoch entfernte ihn der katholische Orden aus der Jugendarbeit und schickte den „Mitbruder“ als Seelsorger in ein Kloster und Altenheim.

Für die Gutachter vor Gericht war die Person Pater Pütz ein gefürchteter Sadist und die Schlüsselfigur zum Verständnis des Falles Bartsch. „Pütz, der sich als Kind das Stottern hatte abgewöhnen müssen, den man einen frömmelnd verklemmten Pater nannte, war ein verhängnisvolles Leitbild für Bartsch, mit erheblichem Einfluss auf die Persönlichkeitsstruktur des Metzgerjungen“, so die Gutachter.

Wie sich Jürgen Bartsch nach seiner Internatszeit im elterlichen Umfeld entwickelte und was man über das Schicksal von beteiligten Personen heute weiß, lesen Sie in der dritten Folge zum „Fall Bartsch“ in unserer Januar-Ausgabe.

Nachgezeichnet von Siegfried Jähne

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