26. Dezember 2015

Senioren Uni Zeitzeuge

Wie „Zeitzeugen“ den Lehrbetrieb stören können

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Immer mehr Senioren drängen in die Universitäten – Konfliktvermeidung gehört zur Strategie an der Bergischen Uni.

Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind der Historiker. So gesehen haben Historiker an den Universitäten jetzt ein neues Problem. Denn die Zeit, als die Universität jungen Lernenden vorbehalten war, ist lange vorbei. Seit Jahren steigt die Zahl der Gasthörer und Studierenden im Pensionsalter. So auch an der Bergischen Universität in Wuppertal, wo es in diesem Wintersemester Rekordzahlen gegeben hat. Immerhin 52 Erst-Semestler drängen in die Hörsäle, womit die bisher so stabile Zahl der „Grauen“ deutlich gesteigert ist. Sehr zur Freude von Rektor Lambert Koch, der ein klares Bekenntnis für das Studium im Alter abgab: „Es ist eine Bringschuld an die Gesellschaft“ erklärte er jetzt anlässlich einer Senioren-Absolventenveranstaltung in der Wuppertaler Stadthalle.

Er sprach dabei von sensiblen Zeichen der Zeit, innerhalb einer Bildungskette von der Juror-Uni über die tertiäre Bildung hin zum lebenslangem Lernprozessen. Wenn es dennoch in Wuppertal nicht zum Generationenkonflikt im Hörsaal kommt, liegt es auch an einem ausgeklügelten System und daran, dass die Zahl der älteren Studierenden gegenüber der Gesamtzahl von 21.000 Studenten faktisch im Promiliebereich bleibt. Das, obwohl das Studium für Ältere inzwischen neben der traditionellen Aufgabe für Lehre, Wissenschaft und Forschung – so das Hochschulgesetz NRW – zur den Kernaufgaben der Unis gezählt wird und die Senioren-Union mehr Plätze für die Alten fordern.

Anders als in den meisten anderen Universitäten wird in der Bergischen Uni neben der Gasthörerschaft ein in den Alltag eingebundenes Wissenschaftliches Studium für Ältere angeboten, so Prof. Gabriele Molzberger, seit 2012 wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Weiterbildung. Im Gegensatz zu vielen anderen Hochschulen gehe es hier in Wuppertal nicht um Studien für das Ehrenamt oder Kontaktsituationen. Die Chance auf Zertifikatserwerb, so wie in Wuppertal, bieten von 88 staatlichen Universitäten lediglich 14 Prozent. Der Zugang zum Studium für Ältere steht allen älteren Personen offen, die sich weiterbilden wollen, es wird kein Mindestalter festgelegt und auf eine Hochschulzugangsberechtigung (Abitur) wird verzichtet.

Die Teilnehmer sind in der Regel über 45 Jahre alt. Es wird pro Semester eine Gebühr von 100 € erhoben. Das Studium umfasst ein breites Spektrum von Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften, weitere Fächer können ergänzend gewählt werden. Eher nicht geeignet sind die Fächer Sport, Musik und Kunst. Doch den Generationenkonflikt um Hörsaal- oder Seminarplätze, wie er in anderen Universitäten bekannt ist, gebe es an der Wuppertaler Uni nicht, versichert die zuständige Koordinatorin Christine Schrettenbrunner: „Neben der relativ kleinen Anzahl von Seniorenstudenten ist der Grund die spezielle Betreuung und Vorbereitung auf das Studium in einem Begleitseminar, das auch auf Konfliktvermeidung ausgerichtet ist.

Christine Schrettenbrunner weiter: „Wir vermitteln, dass die Erfahrung eines einzelnen Zeitzeugen nicht die Erfahrung ganzer Gruppen aushebeln kann. Wenn beispielsweise einer den Krieg als eine schöne Zeit erlebt habe, hat dies noch lange keine Allgemeingültigkeit.“ Damit jungen Studierenden auf keinen Fall Plätze verloren gehen, werden Dozenten vor Semesterbeginn gefragt, ob in ihren Seminaren Plätze für Gasthörer und Senioren vorhanden seien. Zudem können die Dozenten auch jederzeit Senioren-Studenten ablehnen. Christine Schrettenbrunner: „Zu wirklichen Problemen ist es in Wuppertal diesbezüglich aber noch nicht gekommen.“

Text: Siegfried Jähne

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