27. November 2015

Flüchtlinge Jugendherberge

Flüchtlinge: Jugendherberge ist nur ein Zuhause auf Zeit

Foto: Monika Asmus

Die Stadtzeitung war zu Besuch bei geflohenen Menschen.

 Der kleine Mohammed sitzt auf einem Plastik-Trecker und stößt sich mit den Füßen ab. Ein anderer Junge mit pechschwarzen Haaren geht gestikulierend auf den „Mini-Traktorfahrer“ zu. Sekunden später steht Mohammed auf und übergibt seinem Altersgenossen das Gefährt. Die beiden Kinder sprechen nicht die gleiche Sprache – aber sie verstehen sich trotzdem. Diese Szene spielt sich vor der Jugendherberge an der Oberen Lichtenplatzer Straße ab. Bis mindestens Ende Januar wird der Gebäudekomplex in traumhafter, landschaftlicher Lage als Flüchtlingsheim genutzt. Dass sich die 100 Menschen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Albanien hier sehr wohl fühlen, liegt nicht nur an der schönen Umgebung, sondern vielmehr an der liebevollen, aufopferungsvollen Betreuung von Astrid Frohn und ihrem Team. Die gelernte Krankenschwester in Diensten der Organisation „European Homecare“ geht in ihrer Aufgabe voll auf.

Gebäude und Außenanlage machen einen sehr gepflegten Eindruck. Hinten an der Hecke sind zwölf blaue Müllsäcke säuberlich aufgereiht, gefüllt mit Laub, das die Flüchtlinge selbst zusammengeharkt haben. „Wir wurden schon von Anwohnern angesprochen, die uns bescheinigt haben, dass alles sehr sauber sei und dass auch keinerlei Lärmbelästigung von unserer Einrichtung ausgehe. Einige Anwohner haben sogar schon Spielsachen für unsere Kinder vorbei gebracht“, erzählt Astrid Frohn. Ein wenig Stolz schwingt bei dieser Aussage mit.

31 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sind in dem Übergangs-Flüchtlingsheim untergebracht. Die jüngste Bewohnerin ist zehn Monate alt. 13 der Kids werden heute von der Wuppertaler Kinderärztin Dr. Susanne Bellenbaum vor Ort geimpft. Astrid Frohn hat kurzerhand einen Raum zur Arztpraxis umfunktioniert. Ein syrischer und ein deutscher Arzt kümmern sich um die Erwachsenen.

„Wir haben die Familien gemeinsam in einem Zimmer untergebracht. Alleinstehende Personen wohnen nach Geschlechtern getrennt in Vier-Bett-Zimmern“, berichtet Kathrin Schmitz, Pressesprecherin von „European Homecare“. Am schwarzen Brett hängt ein Info-Blatt mit einem abgebildeten lustigen Zeichentrick-Schweinchen. Darüber steht in allen möglichen Sprachen: „Im Essen wird garantiert kein Schweinefleisch verwendet.“

Auch wenn hier alles wie eine Idylle wirkt, die nichts trüben kann, spielt das Thema Sicherheit eine wichtige Rolle. Zum Glück hat es bislang nicht den kleinsten Zwischenfall gegeben. Die Männer der Security-Firma halten trotzdem die Augen offen. Sie stehen vor dem Eingang der Jugendherberge und nutzen die Gelegenheit, mit einigen Flüchtlingen ins Gespräch zu kommen. Eine Unterhaltung mit Händen und Füßen. Doch die Verständigung wird von Tag zu Tag besser. Der Deutsch-Unterricht, die ehrenamtliche Helfer regelmäßig erteilen, ist immer bis auf den letzten Platz besetzt.

Viele der Flüchtlinge haben bereits die gesamte Umgebung erkundet oder sind sogar schon zu Fuß bis in die Barmer City gewandert. Astrid Frohn: „Wenn ich morgens zum Dienst komme, laufen mir regelmäßig zwei Flüchtlinge über den Weg, die joggen waren.“ Trotz der sehr guten Ausstattung des Heimes, das ja fast schon Motel-Charakter besitzt und trotz der tollen Lage, ist Langeweile durchaus ein schwerwiegendes Thema. Kathrin Schmitz: „Dies Problem macht besonders den Männern zu schaffen. Die Frauen haben ihre Kinder, mit denen sie sich beschäftigen und die Wäsche, um die sie sich kümmern müssen. Und dann kommunizieren sie auch viel untereinander. Bei den Männern ist das leider anders. Sie können ja auch nicht den ganzen Tag lang Deutsch lernen, Laub sammeln, Fußball spielen oder kickern. Ein paar Freizeitangebote mehr würden schon sehr helfen – gerade an Wochenenden.“

Und wie könnte es anders sein. Auch das Thema Zukunftsangst ist allgegenwärtig. Die Flüchtlinge bleiben nur rund vier Wochen in dem Flüchtlingsheim nahe den Barmer Anlagen. Dann entscheidet die Bezirksregierung, auf welche Kommune die Bewohner verteilt werden. Eine weniger bürokratische Lösung wäre auch Astrid Frohn lieber, die mit den Flüchtlingen fühlt: „Immer wieder werde ich gefragt: Warum dürfen wir nicht hier bleiben?! Die Menschen, die zum Teil schwerste Schicksalsschläge verkraften mussten, schauen doch auch Fernsehen. Sie sehen doch auch die Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen, von überfüllten, menschenunwürdigen Turnhallen, in denen es keinerlei Intimsphäre gibt.“ Ja, dagegen ist die zum Flüchtlingsheim umfunktionierte Jugendherberge fast schon ein Paradies – aber eben nur fast…

Text: Peter Pionke

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