19. November 2015

arbeit Glück Studie

Wir wollen weniger arbeiten

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Täglich zwei Stunden weniger arbeiten bei gleichem Gehalt? Kein Arbeitnehmer dürfte ein solches Angebot ausschlagen. Eine Studie sagt, warum wir das tun sollten: ein Gedankenspiel. 

In den letzten Jahren machte der Sechs-Stunden-Tag, der in einigen schwedischen und norwegischen Firmen die Regel ist, die Runde durch deutsche Print-Medien. Die Süddeutsche Zeitung spricht vom „Sechs-Stunden-Paradies“, titelt im Oktober: „Sechs Stunden sind genug“. Einen Monat zuvor schreibt die Huffington Post „Schweden testet 6-Stunden-Modell: Warum wir auch eine Revolution auf dem Arbeitsmarkt brauchen“.

Anfang Oktober räumt Spiegel Online mit einem Artikel der in Schweden lebenden Journalistin Maddy Savage auf, die „Das Märchen vom Sechs-Stunden-Tag“ aufdeckt. Hier erklärt sie, der Sechs-Stunden-Tag sei in Schweden „kein Massenphänomen“. Vielmehr sei das Land von einer solchen Regelung „weit entfernt“. Von einer Revolution auf dem schwedischen Arbeitsmarkt kann also nicht die Rede sein. Die Idee des Sechs-Stunden-Tages scheint aber durchaus begründet. So berichten Firmen, die das Konzept getestet haben, von positiven Entwicklungen. Weniger Arbeit sorgte bei den Mitarbeitern eines großen Autohändlers aus Göteborg für weniger Krankheitstage.

Eine Großmolkerei in Norwegen erzielte mit dem Konzept eine höhere Leistungs-Effizienz. Die vermeindlich positiven Auswirkungen eines geringeren Arbeitspensums betreffen aber nicht nur das Unternehmen selbst. Auch der Beschäftigte profitiert von weniger Arbeitsstunden. Das „American Economic Journal: Macroeconomics“ veröffentlichte in seiner Herbstausgabe eine Studie über die Lebenszufriedenheit von Beschäftigten, die verdeutlicht: Eine geringere Arbeitszeit wirkt sich positiv auf die Lebenszufriedenheit aus. Um über diese Ergebnisse in der sogenannten „Happiness-Forschung“ zu sprechen, muss man nicht nach Schweden oder Norwegen reisen.

Einer der Wissenschaftler sitzt an der Bergischen Universität Wuppertal. Prof. Dr. Falko Jüßen für Internationale Wirtschaft und Regionalökonomik hat die Studie mit seinem Kollegen Prof. Dr. Christian Bayer von der Uni Bonn durchgeführt und damit die gängigen Ergebnisse aus der existierenden Happiness-Forschung in Frage gestellt. Aus diesen wurde typischerweise abgeleitet, dass mehr Arbeit tendenziell glücklicher macht. Nicht-Beschäftigte gelten in der Regel als unzufriedener als Beschäftigte. Bisher ging man davon aus, dass der Grund hierfür der geänderte Beschäftigungsstatus an sich sei. Jüßen und Bayer zeigen in ihrer Studie, dass die Veränderung des Einkommens diesen negativen Effekt verursacht. Die Studie vereint zwei Faktoren, die gemeinsam einen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit ausüben: Das Einkommen und das Arbeitspensum. Analysiert wurde die Lebenszufriedenheit von Menschen im Zeitraum 1984 bis 2010 in Abhängigkeit dieser Faktoren.

Das Ergebnis: Wer dauerhaft mehr verdient, wird glücklicher. Wer mehr arbeitet, ohne mehr zu verdienen, wird unglücklicher. Demnach hat ein verringertes Arbeitspensum nur einen indirekten Einfluss auf die Lebenszufriedenheit, denn es ist an das Einkommen geknüpft. Was Jüßens Studie von vorherigen unterscheidet, ist ihre Methodik: „Bisherige Studien waren oft statisch angelegt.“ Gemessen wurde also die Lebenszufriedenheit in Abhängigkeit des Einkommens zu einem festen Zeitpunkt. Jüßen erklärt: „Bei unserer Untersuchung von Lebenszufriedenheit und Einkommen haben wir eine explizite Unterscheidung in kurz- und längerfristige Einkommensschwankungen vorgenommen.“

Dabei kam heraus, dass nur eine längerfristige Einkommenssteigerung zufriedener macht. Eine arbeitslose Person ist deswegen unzufriedener, weil die negative Einkommensschwankung längerfristig ist. Die Studie bestätigt also, was wir alle schon immer wussten. Jüßens Formel für eine höhere Lebenszufriedenheit lautet: „Dauerhaft mehr Geld bei gleichbleibender Stundenzahl.“ Jüßen schließt nicht aus, dass das in Skandinavien angewandte Konzept eine ähnliche Wirkung auf die Lebenszufriedenheit hat. Bei weniger Arbeit und gleichbleibendem Einkommen entsteht für den Beschäftigten ein langfristiger Nährwert, der die Lebenszufriedenheit positiv beeinflusst. Die Umsetzbarkeit der Konzepte ist eine Wissenschaft für sich. Doch die Utopie effektiverer Unternehmen und zufriedenerer Arbeitnehmer ist ein Gedankenspiel allenfalls wert.

Text: Saskia Stiefeling

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