10. November 2015

Frauen Häusliche Gewalt Hilfe Verein wuppertal

Häusliche Gewalt gegen Frauen: „Ansprechen kann ein Motor sein.“

©sdecoret/fotolia.com

Mit der Beteiligung an dem Landesprojekt Gewinn Gesundheit setzt sich der Verein Frauen helfen Frauen e.V. für eine Vernetzung mit Wuppertaler Ärzten ein

Zum Teil sind es offensichtliche Verletzungen: ein blaues Auge, ein gebrochener Arm oder Prellungen und blaue Flecken. Es gibt aber auch Verletzungen, die nicht auf den ersten Blick sichtbar sind: Despressionen, Schlafstörungen, Nervosität oder Angstzustände. Laut Untersuchungen erleben 25 Prozent der Frauen in Deutschland häusliche Gewalt und leiden unter gesundheitlichen Folgen dieser Übergriffe. „Rund 68 Prozent dieser Frauen tragen deutliche Verletzungen von häuslicher Gewalt davon“, weiß Kornelia Dörning vom Verein Frauen helfen Frauen e.V. Der Wuppertaler Verein leitet seit über 30 Jahren sowohl das Frauenhaus als auch die Frauenberatungsstelle auf der Friedrich-Engels Allee. Seit Mai 2013 beteiligt sich der Verein zudem am Landesprojekt Gewinn Gesundheit „Medizinische Intervention gegen Häusliche Gewalt“.

Durch das Projekt soll besonders der medizinische Bereich in die Arbeit gegen häusliche Gewalt mit einbezogen werden. „Viele Frauen rufen aus Angst nicht die Polizei, aber zum Arzt geht jede Frau irgendwann einmal“, erklärt Kornelia Dörning die Notwendigkeit dieser Zusammenarbeit. Im Zuge des Projekts werden Ärzte darin geschult, Symptome von häuslicher Gewalt an ihren Patientinnen zu erkennen und Betroffene sensibel auf das Thema anzusprechen. Viele Frauen leiden unter Folgeerkrankungen von häuslicher Gewalt, die zuallererst nicht auf Gewalteinwirkung zurückzuführen sind. „Zu den Folgeerkrankungen zählen Depressionen und Angststörungen ebenso wie Magen-Darm-Störungen, Herz-Kreislaufbeschwerden oder Hauterkrankungen“, erläutert Kornelia Dörning. Hegt ein Arzt einen Verdacht, spricht er die Patientin vorsichtig auf das Thema an. „Ansprechen kann ein Motor sein“, weiß Kornelia Dörning. „Viele Frauen wollen angesprochen werden.“ Auch wenn die Frau leugnet, dass ihr von ihrem Partner Gewalt angetan wird, nimmt sie doch etwas mit nach Hause – und zwar eine Idee, dass ihr geholfen werden kann, dass es nicht richtig ist, was mit ihr passiert. 

Insgesamt 19 Wuppertaler Ärzte beteiligen sich an dem Projekt Gewinn Gesundheit, darunter Allgemeinmediziner, Psychiater, HNO-Ärzte, Gynäkologen und auch Kinderärzte. „Viele Menschen vergessen, dass nicht nur Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind, sondern dass zu 60 Prozent auch Kinder anwesend sind und die Gewalt miterleben“, erklärt Kornelia Dörning. Auch wenn sich die Gewaltausbrüche des Mannes nur gegen seine Frau und nicht gegen die Kinder richten, befinden die Kinder sich ebenfalls in einer Gewaltsituation. Auch sie leiden unter gesundheitlichen Folgen, haben mit Panikattacken, Angstzuständen oder Schulproblemen zu kämpfen. 

In den beteiligten Praxen hängen von den Ärzten selbst gestaltete Plakate zum Thema häusliche Gewalt. Auf der Damentoilette finden sich zudem kleine Infozettel mit Adressen und Telefonnummern wichtiger Ansprechpartner, wie die Frauenberatungsstelle. „Auch wenn der Mann seine Frau zum Arzt begleitet, auf die Damentoilette kommt er sicher nicht mit“, erklärt Kornelia Dörning die Funktion der kleinen Infozettel. 

Von großer Bedeutung ist, dass Frauen lernen, ihre Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten: Häusliche Gewalt ist und bleibt eine Straftat. „Die Hoffnung, dass die Gewalt irgendwann aufhört, ist jedoch immer sehr groß“, schildert Kornelia Dörning das Problem. Viele Frauen erkennen oft nicht, dass sie sich in einer Situation befinden, die so nicht normal ist. Gewaltpotential ist nicht vom Anfang einer Beziehung an ersichtlich. Vermehrt äußert sich die Gewaltbereitschaft des Mannes erst durch eine Veränderung der Situation, durch eine Heirat, eine Schwangerschaft oder das Zusammenziehen. „Doch sobald einmal Gewalt angewendet wurde, wird die Hemmschwelle immer geringer“, weiß Dörning. 

Der Verein Frauen helfen Frauen e.V. ist mit der Zusammenarbeit mit den Wuppertaler Ärzten sehr zufrieden. „Es kommt vor, dass Ärzte hier anrufen und direkte Hilfe für eine Patientin einfordern oder schnellstmöglich ein Platz im Frauenhaus erforderlich ist“, schildert Dörning die Zusammenarbeit. Und auch umgekehrt ist die Kooperation wichtig: Benötigt eine Frau aus dem Frauenhaus ärztliche Betreuung, kann der Verein auf die geschulten Ärzte zurückgreifen und die Frauen kommen nicht in Erklärungsnot. 

Die Finanzierung des Projekts ist bisher bis 2016 gesichert, bis dahin soll der gesamte Gesundheitssektor in das Projekt mit einbezogen werden. „Zur Zeit führen wir Schulungen in Kliniken und anderen Gesundheitsbereichen durch, um sowohl Ärzte als auch Pflegepersonal für das Thema häusliche Gewalt zu sensibilisieren“, berichtet Kornelia Dörning. 

Infokasten: 

Auch wenn die Finanzierung des Projekts vorerst gesichert ist, ist es die Arbeit des Vereins Frauen helfen Frauen e.V. nicht. Um das Frauenhaus und die Frauenberatungsstelle betreiben zu können, ist der Verein auf Spenden angewiesen. Mehr Informationen unter www.frauenhaus-wuppertal.de

Text: Hannah Florian

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