3. November 2015

EscortService Sex Sexualität

Escort-Service: Begleitung, die ihren Preis hat

Die Wuppertalerin Melanie stieg vor zwei Jahren aus dem Sex-Geschäft aus. Über die Vergangenheit macht sie sich keine Illusion, sie hat ihre Spuren hinterlassen. In der Stadtzeitung erzählt sie von ihrer Zeit und was sie am Ende dazu gebracht hat, aufzuhören.

Melanie macht sich keine Illusionen über Ihre Vergangenheit. „Die Schäden in der Seele werden immer bleiben“, sagt die junge Frau. „Man glaubt das am Anfang nicht, doch die Erinnerungen holen einen immer wieder ein.“ Zwei Jahre ist es her, dass Melanie ihren letzten Freier hatte. Doch der Gedanke an ihre Zeit als Escort-Dame lässt die Wuppertalerin nicht mehr los.

Dabei klingt Melanies Geschichte erst einmal recht harmlos. Escort, also Begleitservice, heißt die Dienstleistung die Melanie über zweieinhalb Jahre exklusiv anbot. Escort, das klingt nach charmanter weiblicher Begleitung zum Geschäftsessen, in die Oper, als Stadtbegleiterin in der Fremde. Der unbedarfte Beobachter könnte eine Dame vermuten, mit der, wenn es die Sympathie will, auch schon mal mehr passieren kann – aber eben nicht passieren muss.

Melanie lacht: „Schön wäre es schon, wenn das so wäre. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Beim Escort geht es einzig und alleine um das eine: Schnellen und unverbindlichen Sex. Der einzige Unterschied zum klassischen Bordell: Der Preis.“ Geld – der Dreh- und Angelpunkt des horizontalen Gewerbes. Auch Melanie wurde durch die vermeintlich unbegrenzten Verdienstmöglichkeiten im Escort-Bereich angelockt. 100 Euro netto die Stunde, sozialversichert. 1.000 Euro die Nacht. Bonuszahlungen jederzeit möglich.

Es sind diese Zahlen, die in Melanie ein Kopf-Kino auslösen. Melanie ist da gerade in der Ausbildung zur Erzieherin in einer alternativ angehauchten Privatschule und alleinerziehende Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Das Ambiente ihrer Ausbildungsstelle ist exklusiv, doch das Gehalt reicht für ihre Ansprüche einfach nicht aus. „Es musste eine finanzielle Lösung her“, sagt Melanie. Da trifft sie eine einsame Entscheidung und gibt in ihrem PC das Wort „Escort-Service“ in die Google-Suche ein.

Bei einer besonders seriös ausschauenden Agentur ruft sie an. Viel mehr als Neugierde ist dabei zunächst nicht im Spiel. Melanie ist nicht verklemmt. Seit ihrem 18. Geburtstag lässt sie sich gerne freizügig fotografieren und ist offen für sexuelle Spielarten. Mit Sex das schnelle Geld verdienen? Der Gedanke hat für sie etwas Verruchtes und ist dennoch faszinierend. „Aber letztlich ging es einzig und alleine um Geld“, gesteht Melanie freimütig und fügt hinzu „Jede Frau, die behauptet, sie mache diesen Job aus einem anderen Grund, ist einfach nicht ehrlich – am wenigsten zu sich selbst.“

Melanies Plan: Den Job mal ausprobieren. Höchstens so lange, bis der schlimmste finanzielle Engpass überwunden ist. Sie fährt in die Agentur zum Vorstellungsgespräch. Es herrscht eine entspannte Gesprächs-Atmosphäre, und bald fällt ein Satz, der Melanie in den nächsten Jahren begleiten wird: „Alles kann, nichts muss.“ „Du kannst natürlich selber überlegen, welchen Service du anbieten willst“, sagen die Agenturchefs. „Aber je umfangreicher deine Angebots-Palette ist, desto mehr Kunden werden dich buchen.“

Der Agentur-Boss übergibt Melanie eine Liste mit diversen intimen Praktiken – ihre Escort SedCard – und rät scheinbar wohlwollend: „Am besten kreuzt Du möglichst alles an.“ Das Verkaufskonzept geht auf. Schon bald meldet sich der erste Kunde und Melanie ist positiv überrascht. Vor ihr steht kein klassischer Bordell-Gänger sondern ein gutaussehender und charmanter Mann. „Doch dann war klar, weshalb er mich gebucht hat. Er kam wegen der ausgefallenen Spielchen, die auf meiner SedCard standen.“

Melanie beichtet dem Kunden, dass es ihre erste Erfahrung als käufliche Dame ist. Der Mann nimmt sie bei der Hand. „Es hätte schlimmer kommen können“, sagt Melanie. Schnell hat sie eine Taktik entwickelt: Keine Wünsche zurückweisen, sondern die Kunden möglichst subtil lenken. Ihre Gefühle schwanken dabei permanent: Mal fühlt sie sich mächtig und begehrt, dann wieder als reiner Spielball der Gelüste ihrer Kunden. „Immer wieder musste ich einfach die Zähne zusammenbeißen und dann möglichst schnell wieder verdrängen.“

„Devot“ und „Dominant“ sind zwei der Stichworte, die sich auf Melanies SedCard finden. Manche ihrer Kunden interpretieren das als Freifahrtschein für Brutalitäten jeglicher Art. Einige Male stürmt erst in letzter Sekunde Melanies Fahrer ins Zimmer und verhindert die aller gröbsten Misshandlungen.

Doch Melanie blendet schlechte Erlebnisse einfach aus. Dafür genießt sie ihren plötzlichen Reichtum. Mit ihrem Geld kann sie das zurückgeben, was sie immer wieder von ihren Kunden zu hören bekommt: „Ich bezahle, also bestimme ich auch.“ Sie kauft mal eben eine neue Schlafzimmer-Einrichtung – und bezahlt in bar. Nach drei Freiern, ist die Kohle ja wieder drin, sagt sie sich. „Ich habe gedacht: Jetzt bist du die Nr. 1“, sagt Melanie und fügt nachdenklich hinzu: „Ich war in der Phase ganz schön egozentrisch und arrogant.“

Melanie glaubt keine Rücksicht mehr nehmen zu müssen. Ihre Ausbildungsstelle in der Schule verliert sie, als sie sich von ihrem Fahrer vor der Schule abholen lässt. Auch die Beziehung zu ihrem Partner geht in die Brüche. Immer wichtiger werden dagegen die Wünsche der Kunden. Ein Mann bringt Melanie mitten im Hochsommer einen verschwitzten Ski-Anzug zum Anziehen mit. Das bringt seine Fantasie in Wallung. Ein anderer Kunde bucht ein weiteres Mädchen, mit dem Melanie vorspielen soll, gerade die Zuneigung für das gleiche Geschlecht zu entdecken. Ein dritter Kunde verlangt von Melanie, an seiner Tür zu klingeln, um die Toilette zu benutzen. Sein WC hat der Mann aber mit FBI-Flatterband abgesperrt: „Dafür habe ich mein Wohnzimmer mit Planen ausgelegt“, sagt der Mann mit hochrotem Kopf. „Vielleicht möchtest du ja…“

Melanie macht alles mit. Lieber ein schlechtes Erlebnis mehr, als 100 Euro weniger in der Tasche, das ist ihre Devise. Dabei wird sie Expertin im Flunkern. Auf die Frage: Findest du mich zu dick? antwortet sie: „Aber nein, Masse ist sexy“ und denkt bei sich: Natürlich solltest du mehr Sport machen. „Hattest Du jemals einen besseren Liebhaber?“, frage ein anderer. „Nein, du bist wirklich der Beste.“ antwortet Melanie und denkt dabei „Wann ziehst du dich endlich an und gehst nach Hause.“ „Findest Du es schlimm, dass ich meine Frau betrüge und das Geld für meine Kinder im Bordell verjubele,“ will ein dritter Freier wissen. „Aber nein, jeder muss auch mal an seine eigenen Bedürfnisse denken“, tröstet Melanie und denkt dabei genau das Gegenteil.

Erst als ihre Escort-Agentur einen sogenannten ‚a.O.‘-Service einführt, gerät Melanie ins Grübeln. ‚a.O.‘ – Das steht für „Alles Ohne“. Das Konzept: Der Freier zahlt einen Aufpreis und macht einen HIV-Schnelltest. Als Gegenleistung bekommt er dann Sex ohne Kondom. Doch der Schnelltest hat eine hohe Fehlerquote. Doch Melanie geht das Risiko ein. Sie hat Angst, Kunden an die anderen Mädchen zu verlieren, wenn sie den neuen Zusatzservice nicht anbietet. Erst als sie selber quälend lang auf ihr eigenes HIV-Testergebnis warten muss, wird ihr schlagartig klar: „Ich setze hier alles auf Spiel – meine Gesundheit, die Gesundheit meines Partners, die Gesundheit meines Kindes. Und das für ein paar Euro mehr.“

Sie verlässt den Escort-Service und beginnt in einem Wuppertaler Club zu arbeiten. Doch hier ist alles noch viel schlimmer. „Fließbandarbeit“, sagt Melanie. Zwei Freier die Stunde für maximal 30 Euro netto die Stunde. Und das Schlimmste von allem: in Wuppertal ist Melanie keine Unbekannte. Während sie als Escort-Dame einen weiten Bogen um ihre Heimatstadt gemacht hat, ist es jetzt nur noch eine Frage der Zeit, bis ihr ein bekanntes Gesicht begegnet. Kurze Zeit später steht ein alter Freund der Familie in dem Zimmer, in dem sich alle Damen vorstellen. Er ist betrunken und erkennt Melanie sofort. „Die da will ich haben“, sagt er und zeigt mit dem Finger auf sie.

Der Mann ist auf einmal besessen von der Idee, ein paar Stunden mit seiner Bekannten zu verbringen. Fast 1.000 Euro legt er auf Tisch. Doch Melanie lehnt ab. Der Mann scheint zu akzeptieren. Doch kurze Zeit später überfällt er Melanie und einen anderen Freier in ihrem Zimmer. Die Polizei muss einschreiten. Seit diesem Tag hat Melanie dem Rotlichtmilieu den Rücken gekehrt.

Sie beginnt eine Ausbildung und findet den Weg in eine neue Partnerschaft. Doch richtig abgeschlossen hat sie mit dem Escort-Service noch nicht. „Könnte ich mir nicht doch ab und zu ein paar Euro dazuverdienen?“, immer wieder ertappt sie sich selbst bei dem Gedanken. Einmal bietet ihr die Chefin eines anderen Escort-Services an, für eine Woche einzuspringen. Als Escort, versteht sich. Die Agenturchefin zeigt ihr Bilder von ihrer Villa mit Pool auf Mallorca. Das schöne, einfache Leben. „Und was habe ich? Eine billige Mietwohnung in Wuppertal“, sagt Melanie.

Sie diskutiert mit ihrem Partner und bekniet ihn förmlich: „Bitte, bitte, lass mich noch einmal meinen Nebenjob machen.“ Sie bettelt so lange, bis ihr Partner sagt: „Ok, ein einziges Mal, aber ich will nicht wissen, was Du da machst.“ Melanie denkt lange nach. „Was ist, wenn ich dann zurückkomme, und niemand ist mehr für mich da?“ Sie sieht das Geld, dass sie dort verdienen kann. Aber sie spürt auch, dass sie diesmal alles verlieren kann. Vor allem das, was sie am meisten sucht: Liebe.

Melanie hat Tränen in den Augen. Dann sagt sie zu ihrem Partner: „Nein, ich fahre nicht. Ich bleibe hier bei dir in Wuppertal.“ Ein Happy-end – vorerst. Melanie rät jeder Frau davon ab, als Escort-Dame zu arbeiten. Auch wenn der Job finanziell noch so lukrativ ist. Die Aussteigerin: „Er tut einem wirklich nicht gut und man verkauft seine Seele.“ Und seinen Körtper sowieso…

Text: David Fleschen

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